Peter Lehmann: Wer unternimmt etwas gegen die drohende Brutalisierung der Psychiatrie mittels zwangsweisen oder hochdosierten Elektroschocks als weitere Standardbehandlung?

Lehmann, Peter (2025): »Elektrokonvulsionstherapie: Wie Feuer und Wasser – Neue WHO-Leitlinien stehen im Gegensatz zu den Positionen der DGPPN und der gängigen Praxis in psychiatrischen Kliniken«. In: Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis (Tübingen), 57. Jg., Nr. 4, S. 574-587. Online-Ressource https://peter-lehmann.de/docu/who-dgppn-vpp.pdf

 

Zusammenfasung: Der Beitrag kritisiert die Verabreichung von Elektroschocks (»Elektrokonvulsionstherapie«, »EKT«) als historisch belastete, umstrittene und potenziell schädliche Methode. Trotz sich wandelnder Bezeichnungen bleibt das Prinzip – ein durch Strom ausgelöster Hirnkrampf – unverändert. Im März 2025 forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Aufsichtsbehörden auf, sie mögen sicherstellen, dass schwerwiegende, invasive oder irreversible Eingriffe wie Elektroschocks oder Psychochirurgie nicht oder nur mit freier und informierter Zustimmung vorgenommen werden (siehe den Artikel im Rundbrief des Bayerischen Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener e.V., 2025, Nr. 1, S. 10-15 https://peter-lehmann.de/docu/feuer-wasser-pdf). Im Widerspruch hierzu befürworten psychiatrische Interessenverbände die Verabreichung von Elektroschocks. Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) empfiehlt Hochdosis-Elektroschocks, indem sie Erzählungen verbreitet, wonach diese (im Faschismus entwickelte) Methode die Neuroplastizität im Gehirn fördere und es »für Menschen mit depressiven Störungen für bilaterale, Hochdosis- bzw. Kurzpuls-EKT-Behandlungen einen klaren Effektivitätsnachweis hinsichtlich einer antidepressiven Wirkung« gebe. Ein halbes Jahr zuvor hatte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN) die Erzählung verbreitet, es bestehe ein internationaler wissenschaftlicher Konsens darüber, dass die Verabreichung vonElektroschocks auch gegen den natürlichen Willen der Betroffenen und unter denselben normativen Bedingungen wie bei Neuroleptika und Antidepressiva ethisch gerechtfertigt sei. Es droht eine Brutalisierung der Psychiatrie in Deutschland.
 

 

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