2026/1 - Das Stigma von Arbeitslosigkeit - Ein Blick auf die neue Grundsicherung
Dieser Artikel soll dazu beitragen, Selbststigmatisierung abzubauen. Scham über die eigene Arbeitslosigkeit und die oft daraus resultierende Armut kommt bei Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung sehr häufig vor. Scham ist das Gefühl, nicht richtig zu sein, so wie man ist. Sie entsteht oft dann, wenn wir gesellschaftliche oder moralische Erwartungen nicht erfüllen. Dabei stellt sich natürlich immer die Frage, ob diese Erwartungen überhaupt gerechtfertigt und realistisch sind. Ich möchte hier einmal auf ein paar der gesellschaftlichen Mechanismen schauen, die die Scham in Richtung der Betroffenen lenken und vielleicht einen Prozess anstoßen, sich unrealistischer Erwartungen und falscher Anschuldigungen besser von sich weg zu halten.
1. Mechanismus: Die individuelle Verantwortung wird überbetont
In unserer Gesellschaft wird oft angenommen, dass jeder Mensch sein Leben weitgehend selbst gestalten kann. Entsprechend wird individuelle Verantwortung überbetont, während äußere Umstände weniger Beachtung finden. Diese Sichtweise ist in westlichen Gesellschaften historisch gewachsen und so verbreitet, dass sie kaum noch wahrgenommen oder hinterfragt wird. In anderen Kulturen sieht man diese Dinge oft anders. Unsere zeitgenössische Anschauung steht in engem Zusammenhang mit der Idee der Leistungsgesellschaft: Wer viel leistet, bekommt und verdient viel. Wer wenig hat, hat zu wenig geleistet und zu wenig leisten wollen. Allerdings werden dabei diejenigen Faktoren außer Acht gelassen, die unser Leben viel maßgeblicher beeinflussen, wie beispielsweise genetische Voraussetzungen, das familiäre und soziale Umfeld in unserer Kindheit, Bildungszugänge, körperliche und psychische Gesundheit, Krisen und Traumatisierungen und schließlich auch, ob unsere Talente, die wir alle haben, auch auf dem Bildungsweg und in der Arbeitswelt überhaupt wertgeschätzt werden. All diese Aspekte beeinflussen, welche Möglichkeiten ein Mensch überhaupt hat. Gleichzeitig kann diese Perspektive für diejenigen, die von ihr profitieren, stabilisierend wirken: Sie erklärt gesellschaftliche Unterschiede als Ergebnis von Leistung – und macht sie dadurch leichter akzeptierbar.
2. Mechanismus: Sündenbock-Logik
Anscheinend hatten die Menschen in Krisenzeiten oft das Bedürfnis vermeintliche Schuldige ausfindig zu machen, obwohl sich komplexe wirtschaftliche und politische Entwicklungen schwer auf einzelne Ursachen zurückführen lassen. So kommt es immer wieder vor, dass bestimmten Gruppen die Verantwortung für eine Situation zugeschrieben wird – insbesondere Menschen mit wenig gesellschaftlichem Einfluss, da sie sich schlecht wehren können und Menschen, die schon vorher mit Vorurteilen belegt waren, da man an diese leicht anknüpfen kann. Dazu gehören häufig auch Arbeitslose und Arme. So ist es beispielweise belegt, dass in allen wirtschaftlichen Rezessionen der letzten Jahrzehnte in Deutschland Arbeitslose vermehrt angegriffen wurden und das politischen Parteien bei der Wäher:innengewinnung geholfen hat. Der Armutsforscher Christoph Butterwegge beschreibt, dass sich auch seit 2024 die Spannungen wieder vermehrt „nach unten“ richten. Da wo man Milliarden an Steuern eintreiben könnte, schaffe man weitere Steuervergünstigungen, gleichzeitig spare man bei Menschen, die jeden Euro weniger merken.
3. Mechanismus: Emotionalisierung und Vereinfachung
Ein weiterer Mechanismus besteht darin, dass stark vereinfachte und emotional aufgeladene Darstellungen mehr Aufmerksamkeit bekommen als differenzierte Analysen. So kann beispielsweise die Vorstellung entstehen, arbeitslose Menschen würden das System ausnutzen. Solche Bilder können Wut oder Frustration auslösen – insbesondere bei Menschen, die selbst unter Druck stehen. Die Lebensrealitäten von Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut sind jedoch häufig deutlich komplexer. Gründe für Arbeitslosigkeit können sind oft auch gesundheitliche Einschränkungen, fehlende passende Arbeitsangebote oder familiäre Verpflichtungen. Diese Komplexität sichtbar zu machen, ist anstrengender – aber notwendig, wenn man zu einem realistischen Verständnis gelangen möchte.
Um welche Menschen ging es in der Bürgergeld-Debatte?
Von 5,4 Millionen Bürgergeld-Beziehenden (Stand 2025) waren 1,4 Millionen nicht erwerbsfähig (fast alle waren Kinder und Jugendliche), weitere 2,2 Millionen waren mit arbeitspolitischen Maßnahmen, Schule, Studium, Ausbildung, einer Erwerbsarbeit, die allein nicht zum Lebensunterhalt ausreicht, mit der Erziehung von Kindern oder der Pflege von Angehörigen oder anderweitig beschäftigt, so dass nur 1,8 Millionen zumindest theoretisch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestanden hätten (hierzu gehören auch alle Menschen die aufgrund von psychischen Problemen nicht arbeiten können). Circa 16000 haben zweimal einen Termin verpasst oder eine Weiterbildung abgebrochen. Die Gründe davon werden in der Statistik nicht genannt. Ob es sich also dabei um „Verweigerer“ handelt, lässt sich nicht sagen. Von den im Zentrum der Diskussion um das Bürgergeld stehenden „Totalverweigerern“ handelte es sich also um deutlich weniger als 0,1% der Bürgergeldempfänger.
Währenddessen gab große Mehrheit von Bürgergeldempfänger:innen (72%) bei einer Befragung an, dass sie nicht glauben, dass ein würdevolles Leben vom Regelsatz von 563€ möglich ist. 54% der Befragten geben an, auf Essen zugunsten ihrer Kinder zu verzichten. 77% empfinden ihre Situation als psychisch belastend. Die meisten Menschen haben körperliche oder psychische Erkrankungen. 72% geben an, dass sie Angst haben vor weiteren Verschärfungen. 42% schämen sich Bürgergeld zu beziehen. Nur 12 % fühlen sich der Gesellschaft zugehörig.
Abschließende Gedanken
Wenn Scham entsteht, lohnt sich manchmal ein Perspektivwechsel:
Ist dieses Gefühl wirklich ein Ausdruck eigenen Versagens?
Oder entsteht es aus Erwartungen und Bildern, die Menschen von außen zugeschrieben werden?
Und vielleicht auch:
Wem nützt es, wenn Menschen sich selbst abwerten?
Diese Fragen lassen sich nicht einfach beantworten. Aber sie können ein Anfang sein, um sich selbst mit etwas mehr Verständnis zu begegnen.
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In Anlehnung an Gisèle Pelicot lässt sich ein anderer Gedanke formulieren: Vielleicht gehört die Scham nicht zu den Betroffenen, sondern dorthin, wo abgewertet und ausgegrenzt wird.
Natalie