2026/1 - „Würde und Stigmatisierung“ - Ein Abend mit Vortrag und Austausch in Augsburg

Der Vortragsabend mit Podiumsdiskussion fand am 11.3.26 in der evangelischen Kirche St.Paul statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „7 Wochen königlich“. Dieses Motto geht auf den Künstler Ralf Knoblauch zurück, der Königsfiguren aus Eichenholz schuf, die in der Kirche ausgestellt waren. Der Künstler interpretierte sein Werk dahingehend, dass jeder Mensch der ihm begegnete ein König sei. Jeder Mensch hat eine unzerstörbare, ihm innewohnende Würde. Das Thema Würde war dann auch Thema dieses Abends. 

 

Ein Jazz Trio leitete mit Jazz-Standards den Abend ein. Es waren junge Musiker, die sich am Peutinger Gymnasium kennengelernt haben. Es war erfrischend, einmal junge Interpreten dieser Musik zu hören, die ja überwiegend von älteren Semestern gespielt und gehört wird. Sie spielten unter anderem das Stück „Blue Bossa“.

 

Frau Buchdrucker von der Klinikseelsorge Augsburg am Bezirkskrankenhaus (BKH) moderierte den Abend. Sie begann mit dem eindringlichen Satz: „Erinnere Dich an Deine Würde weil Du Mensch bist!“

Bei den Vorträgen ging es um das Spannungsfeld von Würde und Stigmatisierung.

 

Die Seelsorgerinnen am BKH hatten unter den Besuchern und Patienten vorab eine Befragung dazu gemacht, was den Menschen zum Thema Würde spontan eingefallen ist.

 

Eine Auswahl der Antworten wurde verlesen:

„Toleranz“, „ich selbst“, „bedingungslos angenommen sein“, „der Himmel in dir“, „ein geschenktes Lächeln“, „Selbstbewusstsein“, „Respekt“ und „Verbundenheit“.

 

Die erste Hälfte des Abends bestand aus einem Vortrag von Prof. Nicolas Rüsch, der Public Mental Health an der Uni Ulm lehrt und Oberarzt am BKH Günzburg ist. Die Moderatorin fragte ihn, wie er zum Thema Würde kam. Er sagte, zum einen durch seinen Mentor Patrick W. Corrigan aus den USA, dessen Programm er ins Deutsche übertrug unter der deutschen Übersetzung „in Würde zu sich stehen“ und zum anderen durch seine tägliche Arbeit als Psychiater, denn die sozialen Folgen der Erkrankung seien für die Betroffenen genau so wichtig wie die Erkrankung selbst. 

 

Würde sei ethymologisch mit dem Begriff „Wert“ verwandt, so Rüsch. Auch im Christentum wird beschrieben, dass der Mensch eine Gottesebenbildlichkeit besäße, woraus seine Würde abgeleitet wird, diese Überlegungen gab es auch schon im Gilgamesch-Epos und es gibt sie auch im Islam. 

 

Nach Kant ergibt sich die Würde des Menschen zum einen aus der praktischen Vernunft, der Mensch ist zum moralischen Handeln fähig und zum anderen aus der Willensfreiheit des Menschen.

 

Die Würde ist dabei kein Wert, der von außen zugeschrieben wird denn sie gilt unbedingt, sie ist eine Pflicht eines jeden für sich und andere. Kant besaß dazu auch eine egalitäre Vorstellung, die Würde sei „über allen Preis erhaben“. Würde bedeutet auch Freiheit, Selbstbestimmung und Achtung für sich und andere.

 

Im Gegensatz dazu steht das Stigma, es kommt vom griechischen Stechen und bedeutet auch Mal oder Schandmal. Basis des Stigmas ist, dass Gruppen in der Gesellschaft unterschieden werden. Es ist kulturell üblich psychisch Kranke und Gesunde zu unterscheiden. Man betrachtet die Kranken als inkompetent, gefährlich oder faul und hat Angst vor ihnen, sie werden also benachteiligt. Es gibt ein Machtgefälle zu Ungunsten der Stigmatisierten. Es gibt auch noch die Selbststigmatisierung, das bedeutet den Umstand, dass die Betroffenen diese negativen Zuschreibungen für sich selbst übernehmen und selbst daran glauben dass sie weniger Wert sind. 

In der Gesellschaft gibt es daneben strukturelle Diskriminierung, das bedeutet Statusverlust, Teilhabeverlust, Verlust sozialer Unterstützung und Verlust der Selbstachtung. 

 

Unser Grundgesetz betont in Artikel 1 die Würde des Menschen. Stigma kann die Würde und die Freiheit der Menschen einschränken, deshalb ist sie eine Gefahr für die Freiheit. 

Das wirksamste Gegenmittel dagegen sei: Kontakt auf Augenhöhe.

 

Nachgewiesenermaßen bringt es am meisten Entstigmatisierung, wenn man Betroffene mit anderen Menschen direkt in Kontakt bringt. Zum Beispiel hat man 20 Polizeibeamte bei einer Schulung mit 2 Betroffenen von Psychosen in einen Raum gebracht um zu diskutieren. Diese Methode ist sehr wirksam um Vorurteile abzubauen, noch wirksamer wird sie, wenn die Betroffenen selbst einen beruflichen Hintergrund haben wie diejenigen, die nicht betroffen sind. 

Zum Thema strukturelle Diskriminierung sei die Politik gefragt, so Prof. Rüsch. 

 

Gegen das Selbststigma wurde das Programm „in Würde zu sich stehen“ entwickelt. Es ist ein von Peers (selbst Betroffenen) geleitetes Gruppenprogramm für 6 bis 8 Personen und es geht dabei um die Entscheidung ob man selbst seine Erkrankung offenlegen möchte oder nicht, man wägt die Vor-und Nachteile dieser Entscheidung ab. Man könne sich dabei auch überlegen ob man gar nichts preisgeben möchte, ob man seine Erkrankung stufenweise offenlegen möchte, wenigen davon erzählen möchte oder aber sogar alles dazu auf youtube posten möchte. Das Programm drängt Menschen nicht zur Offenlegung sondern betont die selbstbestimmte Entscheidung. Eine Dozentin sagte zu diesem Programm: „Die Menschen haben breitere Schultern, wenn sie aus dem IWS herausgehen“. IWS stärkt nachweislich die Selbstachtung und verbessert den Umgang mit Verletzungen der Würde. 

 

Nach diesem Impulsvortrag gab es einige Fragen aus dem Publikum an den Referenten:

Frage: Wäre es nicht sinnvoller gegen das allgemeine gesellschaftliche Stigma vorzugehen, dann gäbe es auch das Problem der Selbststigmatisierung nicht mehr?

Antwort: Ja, aber solange es Vorurteile auf der Welt gibt, ist es nötig dass wir dagegen vorgehen.

Eine Anmerkung aus dem Publikum: Stigma kommt von außen, wenn ich selbst entscheide was ich preisgeben möchte habe ich Wahlfreiheit und diese Wahlfreiheit ist Würde. 

 

Frage: Kommt die Stigmatisierung eher von der älteren Generation und sind die Jüngeren tatsächlich offener?

Antwort: Ja, es gibt etwas mehr Vorurteile bei älteren Menschen, aber mein Eindruck ist nicht dass es das bei jüngeren nicht gibt. Es gibt unter den Patienten der Jugendpsychiatrien sehr viel Angst vor den Reaktionen der Gleichaltrigen in Bezug auf die Erkrankungen. 

 

Frage: Was sind die Forschungsergebnisse der IWS-Studie?

Antwort: Teilnehmer waren Erwachsene im erwerbsfähigem Alter, 50 Gruppen mit 450 Teilnehmern. Zwei Drittel nahmen am IWS Teil und eine Kontrollgruppe von einem Drittel nicht. Nach dem IWS gab es weniger Selbststigma, weniger Stigmastress, weniger Depressivität und Schamgefühl und eine verbesserte soziale Inklusion. Bei Jugendlichen gab es sogar noch bessere Ergebnisse, wahrscheinlich weil diese noch offener sind. 

 

Frage: Ich habe zu tun mit einer narzisstischen Person, wie geht man mit denen um? Schließlich beachten diese Menschen nicht die Würde der anderen.

Antwort: Das ist ein Problem des Umgangs. Der Umgang ist schwierig, man kann nur versuchen den Kontakt einzuschränken und sich zu schützen. 

 

Nach einer Pause begann die Podiumsdiskussion.

Die Moderatorin stellte die Teilnehmer vor und bat sie, kurz etwas über ihr Verständnis von Würde zu sagen:

 

Alkomiet Hasan: Lehrstuhlinhaber Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Chefarzt am BKH Augsburg: „Ich kam zum Thema Würde durch meine Arbeit, Krankenhäuser können den Menschen auch Würde nehmen deshalb beschäftige ich mich damit“. 

 

Emanuel Wiese: Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Hasan, Master in Gerontologie und Mitglied des Ethikrats der Klinik: „Ich habe das Forschungsthema: Würde der Personen mit Demenz und ihren Angehörigen und wie kann man Verletzungen vermeiden?“

 

Claudia Schulz (Mitarbeiterin von Prof. Rüsch), IWS Gruppenleiterin und Projektleiterin.

 

Nicole Deininger, Genesungsbegleiterin: „Mir ist wichtig, den Menschen ein Stück Würde zurückzugeben, die sie verloren haben. 

 

Prof. Rüsch nahm ebenfalls teil, der bereits vorgestellt wurde.

 

Nun konnte das Publikum Fragen an die Teilnehmer stellen:

Frage an Frau Deininger: Was macht eine Genesungsbegleiterin?

Antwort: Ein anderer Begriff ist auch „Ex-In“, es bedeutet: Psychisch Kranke helfen psychisch Kranken, es ist eine bezahlte Arbeit mit 30 Stunden pro Woche. 

 

Frage: Ist bei ihnen das Thema aktivie Sterbehilfe auch im Fokus, schließlich hat das auch etwas mit Würde zu tun?

Antwort Herr Wiese: Wir sprechen im Ethikrat auch darüber, das gehört auch zum Thema Würde. Man stellt sich die Frage, haben wir das Ziel, das Leben endlos zu verlängern oder schaffen wir durch Seelsorge und Palliativmedizin ein Sterben in Würde.

 

Antwort von Prof. Hasan: Aktive Sterbehilfe ist bei uns in der Psychiatrie kein Thema, weil der Sterbewunsch der Patienten teilweise Krankheitsimmanent ist, und nach der Behandlung auch wieder verschwinden kann. 

 

Frage an Frau Deininger: Wie geben Sie praktisch den Menschen die Würde zurück?

Antwort: Ich arbeite transparent mit meiner Geschichte und auf Augenhöhe. Die Menschen öffnen sich bei mir. 

 

Anmerkung Frau Schulz: Meine Aufgabe ist es zu zeigen: „Du bist nicht allein.“ Es geht um Recovery und ein sinnerfülltes Leben. Welche Ressourcen hat ein Mensch? Der Mensch hat noch viel mehr Merkmale als seine Krankheit, da gibt es viele andere Dinge, das gilt auch für andere Dinge wie Alter, Geschlecht oder Glaube. 

 

Frage: Wie bringe ich dem Pflegepersonal Würde bei? Die sind manchmal noch jung und müssen das erst noch lernen. Meiner Meinung nach gelingt Würde wenn persönliche Beziehungen da sind. Das was in unseren Kopf geht, muss zuerst in unser Herz gehen. 

Antwort Frau Deininger: Wir gehen als Genesungsbegleiter in die Pflegeschulen, die sehen dann, das sind Menschen, die können was.

Antwort Prof. Hasan: Es geht auch um Mikroaggressionen beim Pflegepersonal, die es im Alltag zu vermeiden gilt. Also den Patienten keine Kosenamen geben, auch wenn sie dement sind, nicht die Bettdecke wegziehen wenn man eine Untersuchung durchführen will. Man kann die Patienten fragen: „Darf ich bleiben oder soll ich gehen?“ Das kann jeder lernen.

Antwort Herr Wiese: Auch das Essen in der Klinik kann würdevoll oder weniger würdevoll sein. Unsere Aufgabe ist es den inneren Wert der Menschen zu wahren egal was kommt. 

 

Frage: Wenn ich verbeamtet werden will und meine Krankheit offenlege bin ich raus. Also Offenlegung kann auch negative Folgen haben. 

Antwort Prof. Rüsch: Ja, im IWS werden auch die negativen Folgen von Offenlegungen besprochen.

Frau Deininger: Jeder Mensch darf frei entscheiden, auch das Nicht-Offenlegen ist ein Bestandteil der Würde.

 

Frage: Wann gibt es den nächsten IWS Kurs in Augsburg?

Antwort Prof. Rüsch: So weit ich weiss gibt es einen Kurs in Neusäß ab dem 15. April, Sie können sich über die Termine auch auf unserer Website informieren: www.iwsprogramm.com

 

Frage: Ich arbeite mit Geflüchteten, haben sie bei dem Programm auch an interkulturelle Fortbildungen gedacht?

Antwort Prof. Rüsch: Das ist ja das Thema der Intersektionalität, dass Personen wegen mehreren Merkmalen gleichzeitig diskriminiert werden. Aber dieses Programm hat 90 Prozent Teilnehmer mit deutschem Sprachhintergrund, es wird gerade auch für Suchtkranke angepasst aber bisher leider noch nicht in anderen Sprachen. 

 

Frage: Ich bin depressiv, im persönlichen Bereich bekomme ich eher positive Reaktionen, ich habe aber das Gefühl der gesellschaftliche Trend läuft eher in eine andere Richtung.

Antwort Prof. Rüsch: Es gibt einen gesellschaftlichen Trend zur Selbstoptimierung und Druck in der Arbeitswelt, das alles trägt zur Verschlechterung der Situation bei. Es hilft mit Betroffenen zu reden um diesen Trends etwas entgegen zu setzen. 

 

Prof. Hasan: Wenn sich das System so ändern würde, dass eine echte Inklusion möglich ist, dann kämen wir weiter.

 

Frage: In anderen Ländern gibt es auch Krankschreibungen zu 50 Prozent, da könnten wir noch etwas lernen.

Antwort Prof. Rüsch: Ja, in der Schweiz ist das z.B. möglich, das ist sehr gut, dann können die Betroffenen noch arbeiten. 

 

Frage: Ich bin Architekt und bipolar seit 45 Jahren, ich bin schwul, 2000 war der erste Schwule in der Lindenstraße, es war kein Problem mich zu outen. Ich sehe dass wir auch bei psychischen Krankheiten auf einen Wendepunkt zusteuern, dass man sich da leichter outen können wird.

Antwort Prof. Rüsch: Die LGBTQ Bewegung (Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell und transgeschlechtlich) kann ein Vorbild sein für die Psychiatrie-Betroffenen. 

Antwort Prof. Hasan: Ich würde mir das wünschen, dass es einen Wendepunkt gibt, aber ich erlebe das bei Sucht und Schizophrenie, dass die Vorurteile auch zunehmen. Aber wir machen weiter!

 

Die Moderatorin Frau Buchdrucker bat die Referenten noch um ein kurzes Statement, was sie dem Publikum noch mit auf den Weg geben möchten: 

Frau Deininger: Ich möchte Ihnen auf den Weg geben, sich zu informieren, Interesse zu zeigen, selber zu denken. Wenn sie Ungerechtigkeiten sehen und Stigma ist Ungerechtigkeit, dann werden sie laut!

Frau Schulz las zum Abschluss ein Gedicht über Würde vor.

Herr Wiese: Die Würde zu bewahren sollte unser aller Ziel sein, siehe auch unser Grundgesetz.

Herr Prof. Rüsch: Danke für den schönen Abend!

Herr Prof. Hasan: Der Mensch bleibt Mensch, mit Herber Grönemeyer gesagt.

 

Frau Buchdrucker bedankte sich bei allen Referenten, dem Team der Vesperkirche, den Zuhörern und Fragenden, ebenfalls ging ein Dank an die jungen Musiker.

 

Die Musik spielte zum Ausklang den allseits bekannten Jazz-Standard „Autumn Leaves“.

 

Es war ein gelungener und kurzweiliger Abend, wir als Verein BayPE e.V. werden auf jeden Fall die Entwicklung des IWS Programms weiter verfolgen und darüber berichten.

 

Tim Stubbe