2025/1 - Todesschüsse durch die Polizei

Es ist immer wieder ein sehr trauriges Thema. Im Jahr 2024 hat die Polizei so viele Menschen erschossen wie nie zuvor. Bis Ende des Jahres waren es 22. Die meisten dieser Menschen waren in einer psychischen Ausnahmesituation. Man schätzt, dass sich drei von vier Menschen, die von der Polizei erschossen wurden, sich in einer psychischen Ausnahmesituation befanden.

 

In solchen Fällen werden Ermittlungen gegen die beteiligten Polizisten eingeleitet, aber es hat noch keine Verurteilungen gegeben. Immer wieder werden die Polizisten frei gesprochen, da sie aus Notwehr gehandelt hätten. Formal gesehen mag das zwar stimmen, aber es wird dabei vergessen, dass die Polizei unter Umständen durch ihr Auftreten diese Notwehrsituation erst selbst herbeigeführt hat. Und es wird nicht lange gefackelt: Wenn der Betroffene ein Messer in der Hand hält, dann soll geschossen werden, wenn er sich den Polizisten auf sieben Meter nähert und zwar nicht in die Beine, sondern auf den Oberkörper, denn nur das stoppe einen Angreifer zuverlässig. 

 

Man müsste komplett anders an solche Situationen heran gehen als bisher. Es gibt noch keine Vorschrift, dass die Polizei eine psychiatrische Fachkraft oder einen Notarzt auf den Einsatz mitnimmt. Wenn die Polizisten nur zu zweit sind, sind sie eventuell viel zu wenige, um sich ohne Schusswaffe gegen einen Angreifer zu wehren. Ein Polizist hat mir mal erzählt, man könnte auch mit zehn Polizi-sten, die mit Schilden als Schutzwaffe ausgestattet sind, jemanden entwaffnen können. Es gibt auch weitere nicht tödliche Hilfsmittel, um einen Angreifer wirksam zu stoppen. Darauf werden die Polizi-sten aber nicht in ihrer Ausbildung vorbereitet. Es gibt aber bereits Vorschläge, die Polizisten im Bereich Psychiatrie zu schulen. 

 

Auch aus der Bevölkerung kommt keine Kritik: Viele sagen, die Polizisten wurden ja angegriffen, also müssen sie sich ja wehren. Es fehlt vollkommen die Empathie dafür, dass jemand, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist, nicht den Tod verdient hat, sondern eine verständnisvolle Begleitung. Töten als legitime Methode, so weit ist die Gesellschaft verroht. Dennoch ist die Polizei gesetzlich daran gebunden, stets das mildeste Mittel in der Notwehr einzusetzen. Dazu würde eben auch gehören, dass man Fachkräfte zu solchen Einsätzen zwingend mitnehmen muss, um die Lage zu deeskalieren.

 

Es wäre auch sicherlich besser, einen Taser einzusetzen, als einen Schuss auf den Oberkörper, aber auch diese Waffen sind nicht zu verharmlosen, auch ein Taser kann bei manchen Personen tödlich sein. 

 

Was wir brauchen, ist ein Umdenken auf der ganzen Linie, bei der Polizei und in der Bevölkerung. Ein Menschenleben ist immer unersetzbar sehr viel wert, egal wie verwirrt der Betroffene auch zu sein scheint. Die Polizei kann auch eskalieren, durch ihre bloße Anwesenheit. Wir brauchen auf solchen Einsätzen zwingend Fachpersonal und seien es Rettungssanitäter oder Notärzte. 

 

Es wäre auch darüber nachzudenken, dass man den Krisendienst zwingend zu diesen Einsätzen ruft. 

 

Jeder der Toten ist einer zu viel und man hätte das tragische Geschehen wohl vermeiden können. 

Die Politik gibt aber den Polizisten immer volle Rückendeckung. Mir geht es auch nicht darum, die Polizei pauschal zu diskreditieren, aber der Fehler liegt im System und darin, dass keine alternativen Verläufe solcher Einsätze geschult werden. 

Es ist im Gegenteil so, dass sich Menschen in einer psychischen Ausnahmesituation eher noch mehr durch das Auftreten der Polizei bedroht fühlen können. Hier braucht es kein robustes Auftreten, sondern es würde manchmal reichen, den Menschen einfühlsam zuzureden. 

 

Die Polizei muss einen angemessenen Umgang mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen finden. Darauf haben die Menschen in diesem Land einen Anspruch. Die Polizei und die Gesellschaft sollten sich diesen Aufgaben stellen.

 

Tim Stubbe