2025/1 - Zeitgeschichte: Das Sozialistische Patientenkollektiv
Es geht in diesem Artikel um ein Thema, das eine zeitgeschichtliche Relevanz hat: Das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK). Es war eine Gegenthese zum heutigen psychiatrischem und psychologischem Weltbild. Während man heute eher glaubt, dass jeder „seines Glückes Schmied“ sei und dass das eigene Mindset entscheidend ist, ob es jemandem psychisch gut oder schlecht geht, so war das damals anders. Linke Ideen, auch radikale, hatten Konjunktur. Aus den Reihen der SPK ging man davon aus, dass alle psychiatrischen Erkrankungen gesellschaftlich bedingt seien und bestimmt würden durch den Kapitalismus, der selbst keine gesunde politische Gesellschaftsform wäre.
Das SPK wurde am 12.2.1970 von 52 Psychiatriepatienten unter Leitung des Assistenzarztes Wolfgang Huber gegründet. Sie verstanden sich als Therapiegemeinschaft im Sinne der Selbsthilfe und sie hatten den antipsychiatrischen Slogan „aus der Krankheit eine Waffe machen“ auf ihre Fahnen geschrieben.
Man ging davon aus, dass der Kapitalismus kranke Menschen hervorbringen würde, also könne es in so einer Gesellschaft keine Gesunden geben. Die klassische Psychotherapie wolle den Menschen wieder fit für die kranke Gesellschaft machen, sei also nicht die Lösung sondern Teil des Problems. Bevor man daran gehen könne, die Kranken wieder gesund zu machen, müsse man daran gehen, die krank machende Gesellschaft zu überwinden. Huber erklärte, dass eine therapeutische Tat eine revolutionäre Tat sein müsse. Im Sinne der Kranken könne es nur eine Therapie geben, nämlich die Abschaffung der krankmachenden privatwirtschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft. Das Kollektiv der SPK hatte bald nach der Gründung 150 Mitglieder. Huber wurde als Arzt entlassen, dennoch zahlte die Universität weiter die Räumlichkeiten und das Gehalt von ihm. Das SPK radikalisierte sich immer weiter, vor allem nachdem ein Mitglied der Gruppe Suizid beging. Im Jahr nach der Gründung geriet das SPK in Verdacht, die Baader-Meinhof-Gruppe (später als RAF bekannt) zu unterstützen. Polizisten durchsuchten die Räume der Gruppe und inhaftierten Mitglieder. 1971 wurde bei einer Durchsuchung Sprengstoff und Waffen gefunden. Die Ermittler betrachteten die Gruppe als kriminelle Vereinigung. Im Jahr 1972 kam es nach einem Schusswechsel mit der Polizei zu Prozessen gegen SPK-Mitglieder. Huber verlor auch seine Zulassung als Arzt und er und seine Frau wurden wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Sprengstoffherstellung und Urkundenfälschung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Im Juli 1972 löste sich das SPK zwar formell auf, aber Huber rief 1973 aus dem Gefängnis zu einer Neugründung auf. Einige Mitglieder wechselten in dieser Zeit zur RAF.
Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre schrieb 1972 eine Solidaritätsbekundung im Vorwort zur Schrift: SPK – aus der Krankheit eine Waffe machen. Bis heute gibt es eine anonym betriebene Website von Menschen, die sich als Nachfolger des SPK ausgeben und betonen, dass das SPK niemals aufgehört habe zu existieren. Nach dem dort vertretenen Selbstbild hatte das SPK niemals etwas mit der RAF, der 68er-Bewegung oder mit der Antipsychiatrie zu tun. Man kann diese Seite finden unter www.spkpfh.de . Die Seite ist etwas verquast geschrieben und meiner Meinung nach ist es unklar, ob es sich dabei wirklich um das echte SPK handelt oder nur um jemanden, der sich berufen fühlt, das SPK weiterzuführen. Das verwendete Vokabular und der Stil erinnern jedoch an die Linksradikalität der 70er Jahre.
Vielleicht wäre das SPK bis heute auch vergessen worden, wenn nicht ein paar seiner Protagonisten zur RAF gegangen wären. Manchen gilt das SPK deshalb gar als Kaderschmiede der RAF. Gruppendynamisch war es wohl auch so, dass die Gruppe zunächst einen emanzipatorischen Ansatz auch im Umgang miteinander verfolgte, dann kam es aber - so wird es berichtet - zu gruppeninternen Unterdrückungsmechanismen und Spaltungen.
Die Radikalität des SPK ist aber zu verstehen unter dem Hintergrund der rabiaten Verhältnisse in der Anstaltspsychiatrie, in der Zwangsjacken und Elektroschocks an der Tagesordnung waren. Die Medizin war noch kontaminiert von der NS-Zeit. Eine Psychiatriereform blieb aus und die Antipsychiatriebewegung begann sich zu entwickeln. Die Vorstellung, dass psychische Krankheiten nichts als ein Symptom des Kapitalismus seien, passte in die Zeit und hatte Konjunktur. Es war aber auch so, dass diese Gruppentherapien durchaus eine Wirksamkeit entfalteten und Teilnehmer berichteten davon, dass ihre Symptome verschwanden und sie ein Gefühl der Selbstermächtigung verspürten. Aus geschichtlicher Sicht hat das SPK auch durchaus seine Rolle als Vorreiter der Selbsthilfebewegung und als erstes radikales, antipsychiatrisches Experiment in Deutschland. Man kann daraus auch lernen, dass es durchaus eine heilende Wirkung eines Kollektivs geben kann, im Gegensatz zu all den psychologischen Coaching-Angeboten von heute, die das Individuum auf sich selbst zurück werfen und unterschwellig behaupten, der oder die Einzelne könne losgelöst von der Gesellschaft eine psychische Gesundheit entwickeln, wenn nur die richtigen Gedanken gedacht würden. Die heutige Haltung ist vollkommen apolitisch und man könnte hoffen, dass das Pendel auch mal wieder in die andere Richtung ausschlägt, ohne dabei so extrem radikal zu werden.
Am 13.2. gab es in der Müpe in München das Müpe-Forum zu diesem Thema. Die Müpe hatte eine Aktivistin des SPK eingeladen, die online mit den Teilnehmern sprach und ihre Geschichte erzählte.
Die Veranstaltung war hybrid, das bedeutet online per Zoom-Konferenz und gleichzeitig in Präsenz. Ich selbst konnte leider nicht daran teilnehmen. Wenn jemand von Euch dabei war und seine oder ihre Eindrücke davon gedruckt sehen möchte, dann könnt ihr gerne einen weiteren Artikel oder einen Bericht schreiben, den wir in unserem Rundbrief abdrucken werden.
Tim Stubbe