2025/1 - Erleben die meisten Männer eine Psychiatrie-Erfahrung anders als die Mehrzahl der Frauen?
Ich stelle mir seit langem die Frage, ob die meisten Frauen mit einer Psychiatrie-Erfahrung entspannter umgehen, als die Mehrzahl der Männer.
Eine Psychiatrie-Erfahrung reduziert bei Bekanntwerden in der Regel den sozialen Status vom Betroffenen und seinen Angehörigen. Sie ist zudem ein Signal für Hilfsbedürftigkeit, einen gescheiterten Versuch des Betroffenen, sein Leben und die damit verbundenen Schwierigkeiten auszuhalten und angemessen zu bewältigen. Das Gefühl, ein „VersagerIn“ zu sein, stellt sich häufig bei beiden Geschlechtern ein, häufig verbunden mit einer tiefen Verunsicherung (wann geht es wieder los?).
Krankheit - auch eine seelische - wird von Frauen leichter akzeptiert. Ich vermute, dass Frauen auch mit der Selbststigmatisierung häufig besser umgehen können. Ein „tiefer“ Status fühlt sich für die meisten Frauen „normal“ an. Kranke Frauen sind fast immer stärker in Aufgaben der Alltagsbewältigung eingebunden als Männer. Eine vielleicht kleine Selbstwirksamkeit, die die Seele stärkt, praktizieren viele Frauen, auch wenn sie wenig Kraft haben. Männer neigen nach meinem Eindruck eher zu einer großen Passivität. Männer scheinen eher zu verwahrlosen, wenn sie im Krankheitsfall allein auf sich gestellt sind.
Vom Mann wird in unserer Gesellschaft oft unbewusst Führung und eine erfolgreiche Sicherung seiner Existenz und der von ihm abhängigen Personen erwartet. Wer das nicht erfüllt, wird häufig von der Umwelt und sich selbst als Versager betrachtet. Er hat automatisch einen niedrigen sozialen Status.
Kann es sein, dass Männer mit Psychiatrie-Erfahrung, besonders Psychotiker, deshalb häufiger das Gefühl von Perspektivlosigkeit und sinnlosem Leben haben, als Frauen? Sterben Menschen mit solchen Gefühlen oft früher als Menschen, die auch in schwierigen Situationen noch Ziele haben?
Ute Schäpe