2024/1 - Sollte man in der Öffentlichkeit zu seiner psychischen Erkrankung stehen?
Im der aktuellen Zeit, auch durch die sozialen Medien, wird das Thema psychische Gesundheit mehr und mehr enttabuisiert. Dies führt dazu, dass man darüber diskutiert, ob es hilfreich ist, seine Erkrankung öffentlich zu machen oder nicht.
Es gibt Argumente dafür und dagegen:
Dafür spricht:
Ein Bewusstsein für die Thematik wird geschaffen. Indem Menschen über ihre psychischen Erkrankungen sprechen, kann das Bewusstsein für psychische Gesundheit und die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen erhöht werden. Das kann dann dazu führen, dass Stigmatisierung und Vorurteile abgebaut werden.
Empowerment: Persönliche Erfahrungen öffentlich zu teilen, kann anderen Menschen Mut geben, ebenfalls an die Öffentlichkeit zu gehen und sie ermutigen Hilfe zu suchen und ihre eigene Geschichte zu erzählen. Dadurch kann ein Gefühl von Solidarität und Gemeinschaft entstehen.
Normalisierung: Psychische Gesundheit wird erfahren als Teil des normalen Bewusstseinsspektrums, das wiederum kann das Stigma reduzieren. Wenn offen über psychische Erkrankungen geredet wird kann das dazu führen, dass diese als genau so normal angesehen werden wie eine körperliche Erkrankung.
Hilfsangebote können gefunden werden: Das Offenlegen einer psychischen Erkrankung kann dazu führen, dass man Hilfe angeboten bekommt von Familie, Freunden oder Fachleuten. Das kann dann den Weg ebnen zu einer angemessenen Behandlung.
Überwindung von Angst: Die bei vielen Betroffenen vorhandene Angst vor dem in der Öffentlichkeit-Stehen kann überwunden werden, das kann auch ein bisschen stolz machen.
Dagegen spricht:
Es gibt immer noch ein Stigma und Diskriminierung im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, trotz Fortschritten. Offen darüber zu sprechen kann bedeuten, dass Vorurteile am Arbeitsplatz oder im Bekanntenkreis aktiviert werden.
Es kann die Privatsphäre negativ beeinflussen. Infos über die eigene psychische Gesundheit kann die Privatsphäre beeinträchtigen und dazu führen, dass es unerwünschte Aufmerksamkeit gibt oder dass diese Informationen missbraucht werden. Deshalb gibt es auch Menschen, die diese Infos lieber für sich behalten.
Einfluss auf die Karriere: Offen über seine psychische Erkrankung zu reden kann negative Auswirkungen auf die Karriere haben, da manche Arbeitgeber damit mangelnde Leistungsfähigkeit verbinden, es gibt auch Branchen, in denen diese Vorurteile stark verankert sind.
Manche Menschen aus dem Bekanntenkreis könnten sich zurückziehen, wenn sie Vorurteile haben, dann würden soziale Kontakte weniger werden.
Die Entscheidung das offen zu legen, kann auch teilweise erfolgen, so dass man zwar etwas erzählt, aber nicht jedem alles. Die Entscheidung, ob man es öffentlich macht, sollte individuell getroffen werden. Jeder kann entscheiden, wie und ob eine Offenlegung das eigene Wohlbefinden und die Privatsphäre fördert oder beeinträchtigt.
Am 28.2.24 gab es dazu einen Vortrag in Augsburg in den Räumlichkeiten der Mutmachermenschen e.V. Es ging um das Projekt IWS (In Würde zu sich stehen) Frau Claudia Schulz, die in Augsburg und Neu-Ulm Projektkoordinatorin ist, hielt einen Vortrag. Bei diesem Projekt geht es genau um diese Frage, Offenlegung ja oder nein, es wird ein Kurs dazu angeboten mit mehreren Terminen. Der Kurs wird von Peers gehalten, also von Menschen die selbst betroffen sind.
Das Ziel von IWS ist es, den Teilnehmern mehr Selbstbewusstsein zu geben um die Entscheidung abzuwägen für oder gegen eine Offenlegung und damit dem Stigma entgegen zu wirken. Vorläufige Daten zeigen eine gute Wirkung auf die Selbststigmatisierung. Das Projekt wird vom Bundesgesundheitsministerium gefördert und an 8 Standorten in Bayern durchgeführt. Es werden noch für das Jahr 2024 Teilnehmer gesucht für die Standorte Ulm/Neu-Ulm, Günzburg und Augsburg. Es gibt zwei Gruppen, eine nimmt an dem Kurs teil, die andere ist eine Kontrollgruppe, die nicht teilnimmt. Die Kurse finden im ganzen Jahr statt. Kontakt kann aufgenommen werden unter .
Mehr Informationen auf der Website https://www.iwsprogramm.org
Tim Stubbe