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Aktuelle Themen

Ausnahmezustände der Seele

Das Leben ist nicht immer nur eitel Sonnenschein, das hat jeder von uns schon erfahren. Man hatte Liebeskummer, Ärger mit den Eltern oder die Schule war eine einzige Plage. Später kommen noch die Belastungen der Arbeitswelt hinzu: ein cholerischer Chef, mobbende Kollegen und Überstunden ohne Ende.

 

Bei manchen Menschen ist das Fass irgendwann voll, und er oder sie wird dann krank - oft psychisch krank. Es gibt die verschiedensten Krankheitsbilder der Seele: Andauernde Überforderung und chronischer Stress kann zu einer Depression führen. Schwere seelische Erschütterung, ein ungesundes soziales Klima, verbunden mit der Ignorierung der eigenen Bedürfnisse kann den Menschen schleichend oder auch plötzlich von der Realität entrücken.

 

Mißbrauch in der Kindheit führt oft zu Störungen des Empfindens und ein zu hoher Anspruch an die eigene Person kann den Betroffenen zwischen Manie und Depression schwanken lassen. Und schließlich gibt es noch die Probleme mit Alkohol und anderen Drogen, die häufig zu einer Suchterkrankung führen.

 

Die häufigsten Krankheiten:

 

Die Depression: Depressive Menschen sind nicht nur niedergeschlagen oder traurig. Sie sind gefesselt in ihren eigenen, meist negativen, Gedanken, die sie derart lähmen, dass sie meist nur im Bett liegen und nur sehr quallvoll die alltäglichen Verrichtungen erledigen können. Dabei wünschen sie sich nichts sehnlicher, als das dieser Zustand vorüber ginge, haben aber selbst wenig Hoffnung und sehen kein Licht am Ende des dunklen Tunnels. Wie so etwas enden kann, konnte man 2009 in den Medien lesen: Der Nationaltorwart Enke nahm sich das Leben. Doch jede Depression geht wieder vorüber! Sei es durch Medikamente, ein Verringern oder Wechseln der Belastungen, durch einen Wechsel des Aufenthaltsortes, durch Sport oder sie geht einfach von selbst wieder weg. Man darf die Hoffnung nicht verlieren!

 

Die bipolare Störung: Wenn ein Mensch rastlos ohne Ende ist, ständig neue Ideen hervorsprudeln, sich rücksichtslos und verletzend verhält, vom Kaufrausch befallen ist und sich doch dabei so gesund und kräftig fühlt, dass jede kleinste Kritik ihn in Wallung bringt - dann hat er oder sie offenbar eine Manie. Die Manie erlebt der Betroffene als eine Hoch-Zeit. Noch nie habe er sich so gut gefühlt, endlich sei alle Krankheit von ihm verschwunden, aber er sieht nie das bittere Ende: die finanzielle Verschuldung, gekränkte Partner und Arbeitskollegen, vielleicht sogar zerbrochene Beziehungen und schließlich durch die Erschöpfung der Kräfte, der Rückfall in die Depression. Der Wechsel zwischen diesen beiden Extremen kann mehrmals jährlich erfolgen, ja sogar mehrmals im Monat: Dann spricht man von "Rapid Cycling". Wenn der Wechsel sogar täglich erfolgt, spricht man von einem Mischzustand. Durch sogenannte Phasenprophylaktika wie Lithium oder Lamotrigin soll dem Betroffenen dieser oft sehr belastende Wechsel zwischen den Hochs und Tiefs erspart werden. Es gibt aber auch Menschen, die genießen ihre Höhenflüge, sind voller Schaffensdrang und wollen gar nicht von Medikamenten ruhiggestellt werden, zumal wenn die depressiven Phasen für sie erträglich sind. Bei anderen Betroffenen überwiegen hingegen die depressiven Phasen und ein euphorischer Zustand ist kaum ausgeprägt.

 

Die Schizophrenie: Die Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis (so drücken sich die Mediziner aus) sind äußerst vielgestaltig, der Verlauf kann sehr variieren von Mensch zu Mensch. Oft geht der Erkrankung ein Vorstadium voraus, in dem der Betroffene sehr zurückgezogen ist und kaum sozialen Kontakt hat oder sucht. Dabei hat dieser Mensch mit schweren inneren Problemen zu kämpfen, die er jedoch mitzuteilen nicht bereit ist. Schließlich ist irgendwann ein Point-of-no-Return erreicht, in dem das Gedankenräderwerk zur Produktion von Erleuchtungen und Halluzinationen übergeht. Der Betroffene bekommt Größenideen, aber es plagen ihn auch bestimmte wirklich spürbare Symptome, die er oder sie als Beeinträchtigung von außen erlebt. Der Mensch fühlt sich dann verfolgt und überwacht, mit dem Tode bedroht. Er flieht dann womöglich Hals über Kopf aus seiner Wohnung, glaubt den Angehörigen kein Wort mehr und kann die seltsamsten Dinge anstellen, bis hin zu einem (gar nicht beabsichtigten) Suizid, der auf irgendwelchen Wahnideen beruht, z.B. " ... ich kann diesen Zug mit der Kraft meiner Gedanken stoppen!" Es ist offensichtlich, dass ein solcher Mensch Hilfe braucht. Doch wie das geschieht ist auch eine Frage der Menschenwürde. Dem Kranken müssen nicht die Arme verdreht werden, man muss ihn nicht stundenlang - ohne Fürsorge - gefesselt im Bett lassen, in dem er seine Notdurft machen muss. Man muss ihn nicht hochdosiert "herunterspritzen", ihn zum lebenden Zombie machen. Viele Beispiele zeigen, dass es auch humaner in einer medizinischen Behandlung zugehen kann. Die verantwortlichen Pflegekräfte müssen nur wollen und etwas Emphatie zeigen.

 

Die Sucht: Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren! Nur: Aus einem Glas werden zwei, aus zwei Gläsern werden zwei Flaschen und wenn man es keinen Tag mehr ohne einen Tropfen aushält, darf man sich langsam schon die Frage stellen: Bin ich süchtig? Der Alkohol ist ein großes Thema, nicht nur in der Allgemeinbevölkerung, auch die psychisch Kranken sind stark davon betroffen. Niemand hat etwas gegen eine gesellige, fröhliche Runde oder mal ein Glas Bier oder Wein am Abend. Wenn man aber nur noch aus Gewohnheit trinkt, gar aus Frust oder Langeweile, dann ist die Abhängigkeit nicht weit. Oft sind es gerade psychische Probleme, die den Menschen zum Alkohol oder zu anderen Drogen greifen lassen. Am Ende hilft nur noch ein Entzug in der Klinik und die spätere völlige Abstinenz, weil sich in Folge des Mißbrauchs das Gehirn verändert hat, so dass selbst der Gedanke an ****** den Suchtreflex auslösen kann.

 

Zusammenfassung: Die Belastungen und Kümmernisse im Leben sind vielfältig. Dem nicht genug, sind sie oft mit ein Auslöser für verschiedene Arten von psychischen Krankheiten wie z.B. der Depression oder der Schizophrenie. Eine stationäre Behandlung der Betroffenen wird oft wegen einer nicht auszuschließenden Suizidgefahr angeordnet. Meistens wird medikamentös behandelt, aber auch bestimmte Formen von Psycho- oder Ergotherapien werden angewandt, oder manchmal wirkt einfach auch der soziale Kontakt im Krankenhaus am besten für eine Gesundung. Nach der Entlassung erfolgt eine Überweisung zum ambulanten Spezialisten, der sich dann weiter (mehr oder weniger intensiv) um die Behandlung kümmert.

 

Psychische Gesundheit

Die Psyche, griechisch für "die Seele", spielt eine große Rolle in unserem Leben. Wir können traurig sein oder fröhlich, gelassen oder überdreht, wir können uns gut fühlen oder es ist uns gar nicht wohl in unserer Haut. Immer geht es dabei um unsere psychische Verfassung.

 

Man kann sich darüber streiten, wo der Sitz der Seele im Körper eigentlich ist. Früher dachte man eher ans Herz, an die Seele in der Brust. Heute, und vor allem in der Wissenschaft, tendiert man zu der Überzeugung, im Kopf, im Gehirn, säße die Seele des Menschen. Das Innere unseres Kopfes ist ein Wunderwerk der Natur. Millionen von Nervenzellen (Neuronen) verarbeiten und verknüpfen innere Informationen des Körpers und äußere, von der Umwelt kommende. Über die Sinnesorgane können wir hören und sehen, wir können riechen und schmecken, wir können fühlen und empfinden, wir können eine Situation einschätzen, uns in andere Menschen oder Tiere einfühlen.

 

Unsere Seele kann Geborgenheit spüren oder gar Angst und Panik. Dabei gibt es für bestimmte Bereiche des Gehirns unterschiedliche Aufgaben, und eine veränderte oder krankhafte Gehirnaktivität führt zu einem entsprechendem psychischen Zustandsbild beim Menschen. So ist zum Beispiel bei depressiven Menschen, die linke Gehirnhälfte überaktiv (das Denken und das Rationale), während die rechte blockiert ist. Hier kommt es darauf an, durch entsprechende Betätigung oder Übungen wieder ein Gleichgewicht herzustellen.

 

Eine Besonderheit beim Menschen ist das Denken, welches vor allem auf der (inneren) Sprache beruht. Der Mensch denkt viel und gründlich nach. Über sich, über den Chef, über die Kollegen, über die Nachbarn oder die Eltern. Manchmal denkt der Mensch einfach zu viel nach. Besondere Probleme oder Ereignisse können das Gedanken-Räderwerk im Kopf einfach nicht zur Ruhe kommen lassen. Und dann ist das Gehirn und sein Denksystem, das bei weitem noch nicht endgültig erforscht ist, ein Gefangener seiner eigenen Gedanken: Die Gedanken lassen einen nicht mehr los, man kann nicht mehr abschalten. Man wird von ihnen getrieben und getäuscht, gehetzt und verführt. Hier kann ein Beruhigungsmittel helfen. Dazu später mehr.

 

Unser Kopf und damit auch unsere Gedanken hängen aber nicht im luftleeren Raum. Sie sind untrennbar mit dem Leib, unserem Körper, verbunden. Der Körper braucht frische Luft zum Atmen, er braucht passende Kleidung, um nicht zu frieren oder zu schwitzen; er braucht Trinken und Essen. Besonders Letzteres ist sehr wichtig und wird vom Gedankenkopf sehr schnell vergessen. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen! Nach einem schönen gemütlichen und üppigen Abendmahl, vielleicht mit einem Gläschen Wein, sieht die Welt schon ganz anders aus, und die schrecklichen Gedankengespenster sind von dannen gezogen. Auch braucht der Körper, wie die Seele, seinen richtigen Rhythmus: Auf Aktivität und Anspannung sollte eine Phase der Ruhe folgen. Unterschiedliche Tätigkeiten sollten einander abwechseln, zum Beispiel auf Schreibarbeiten folgt Musik hören, oder nach der Stunde im Internet spült man das Geschirr ab. Es kommt darauf an, bei allem das richtige Maß zu finden, und zu spüren, wann es Zeit für einen Wechsel ist.

 

Der Schlaf: Gehirn und Körper können nicht ständig im Dauereinsatz sein. Schon tagsüber brauchen sie kleine Ruhepausen und erst recht in der Nacht. Der Mensch braucht im Durchschnitt 7-9 Stunden Schlaf jeden Tag. Wenn er das auf Dauer nicht bekommt, wird er körperlich krank oder sein Gehirn spielt verrückt.

 

Jeder kennt die schwere körperliche Erschöpfung nach einer Nacht ohne Schlaf. Oder die Kopfschmerzen, die einfach nicht weggehen wollen. Bei bestimmten Seelenzuständen, bei euphorischen Gedanken oder spirituellen Erkenntnissen jedoch, kann das Schlafbedürfnis stark vermindert sein. Und der Mensch bleibt bis tief in die Nacht auf, macht dies und jenes, je nach Eingebung seiner Gedanken. Aber sie spielen ein gefährliches Spiel mit dem Körper und dem Gehirn! Vielleicht schaffen sie es so ein, zwei Tage - ohne Schlaf - aber irgendwann kann das Gehirn nicht mehr: Es produziert Fehlwahrnehmungen, Sinnestäuschungen; es lässt uns Dinge sehen, die gar nicht da sind und es lässt uns Angst oder Euphorie empfinden - Ausnahmezustände der Seele, die uns die seltsamsten Dinge tun lassen und die für unser Leben sehr gefährlich werden können. Deshalb ist es sehr hilfreich, in besonderen (Not)Fällen, den Schlaf zu unterstützen: Mit Schlaftropfen, mit einer Schlaftablette, oder wenn beides nicht da ist: ein Glas Bier trinken oder ein Glas guten Weines! Wenn man schon ein Medikament verfügbar hat, ein Neuroleptikum, sollte man dieses vielleicht in einer höheren Dosis einnehmen ... aber bitte nicht zusammen mit Alkohol! Das alles wirkt beruhigend auf Körper und Gehirn und führt zu erholsamen Schlaf und zu einer Entspannung und Entkrampfung der Gedankenspiralen oder Halluzinationen.

 

Zusammenfassung: Der Körper und die Seele befinden sich in einem empfindlichen Gleichgewicht, das von vielen Seilen gehalten wird: Von frischer Luft, von passender Kleidung, von ausreichend Essen und Trinken, von angenehmer Betätigung und Sozialkontakt und von ausreichend Schlaf, der manchmal (in Notfällen) besonders unterstützt werden muss.

Berliner Manifest

Das Berliner Manifest

Das Berliner Manifest

(Artikel von Ule Mägdefrau und Julia Eder in der Zeitung „Psychosoziale Umschau“ von Januar 2020)

 

Am 10.10.2019, dem Welttag der seelischen Gesundheit, stellen Mitglieder einer trialogischen Aktionsgruppe auf dem Podium am Potsdamer Platz das „Berliner Manifest einer menschenwürdigen Psychiatrie“ vor. Zeitgleich starteten eine Website und eine Onlinepetition an den deutschen Bundestag. Auf Initiative des Psychiaters Jann E. Schlimme und der Selbstvertretungsorganisation Kellerkinder e.V. gründete sich eine Gruppe aus Angehörigen und Experten mit eigener oder beruflicher Erfahrung zu psychischen Krisen. Ziel ist es, Kritikpunkte der ambulanten und stationären Versorgung zusammenzutragen und Forderungen für eine Verbesserung zu stellen.

 

In der lebhaften Diskussion landeten wir immer wieder bei der UN-Behindertenrechtskonvention und somit bei den Menschenrechten. Die Rohfassung ging zunächst an eine Untergruppe Betroffener, deren Korrektur an die Angehörigen. Deren Überarbeitung landete wiederum bei den Profis.

 

Danach wurde in der Gesamtgruppe über die finale Fassung abgestimmt. So entstanden fünf generelle Leitideen. Ziel ist es, eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen, um so die Aufmerksamkeit der Politik zu gewinnen, aber auch konkrete Forderungen zu erarbeiten. Bisher haben neben 5000 Einzelpersonen auch 35 Organisationen, darunter zahlreiche sozialpsychiatrische Träger, Betroffenenorganisationen, aber auch Berufsverbände unsere Leitideen unterzeichnet: http://berliner-manifest.de

 

Zu kurz gesprungen

Das Berliner Manifest ist ein Papier ohne Plan,

meint Martina Heland Graef

Das Berliner Manifest ging bei mir ein, ich überflog es und dachte: Jawohl das passt, das kann man unterschreiben. Ich gestehe, dass ich nur dir fünf Punkte gelesen habe und darauf anderen Betroffenen gesagt habe:“ Ich habe es unterschrieben, wenn du willst, unterschreibe es mit.“ Dann habe ich die Autoren bei der Vorstellung ihres Berliner Manifestes gehört, am 10.10., dem Tag der seelischen Gesundheit.

 

Der erste Teil des Berliner Manifestes ist schon schräg und sehr provokant. Die Reaktionen dazu waren eindeutig. Ich habe es unterschrieben, damit die Forderungen einer gewaltfreien Psychiatrie weiter besprochen werden und nicht in Vergessenheit geraten. Die fünf Forderungen sind ja durchaus berechtigt und höchst wert, unterstützt zu werden.

 

Was ich nicht wusste ist: Dass es nur dieses Papier gibt jetzt und das war es. Ich habe mich mit einer der Autorinnen unterhalten und auf meine Nachfrage, ob es denn noch weitere Aktionen und Einladungen zu Gesprächen gäbe, sagte mir die Dame, deren Namen ich nicht kenne, nein, wir warten jetzt erst mal ab.

 

Erst mal abwarten? Auf was?

 

Was ist denn das? Auf was wollen die denn warten? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ich habe es nicht bereut, das Manifest unterschrieben zu haben, jedoch verstehe ich nicht, was das soll, nur ein einzelnes Papier zu schreiben, es zu veröffentlichen und dann abzuwarten?

 

Ich bin Betroffene und versuche, seitdem ich Betroffene bin, mit den Profis ins Gespräch zu kommen. Den Betroffenen eine Stimme zu geben, dass sich etwas ändern muss. Dass es keine Gewalt geben darf, dass wir selbstbestimmt leben wollen, dass es nötig ist, die Menschenrechte zu berücksichtigen, die UN-BRK. Ich finde es gut, im Gespräch zu bleiben, seinem Gegenüber sein Gesicht zu lassen und ihn zu respektieren, aber so ändert man nichts. Ich wünsche mir, dass die Betroffenen weiter artikulieren, was ihre Bedürfnisse sind. Ich will mit am Tisch sitzen, wenn Hilfesysteme entstehen. Dorothea Buck sagte: „Solange wir miteinander reden, bringen wir uns nicht um.“

 

Meine Intention ist, den Willen der Betroffenen an die Verantwortlichen heranzubringen und dafür zu sorgen, dass der Wille berücksichtigt wird. Eintagsfliegen helfen uns nicht. Ich bin der Meinung, dass sich sehr wohl etwas geändert hat seit der Psychiatrieenquete. Meine Forderungen sind die gleichen oder ähnlich wie die des Berliner Manifests. Aber das Berliner Manifest wirkt wie ein schnelles, nicht nachhaltig wärmendes Strohfeuer, von dem sich die Akteure wieder zurückziehen, ohne Interesse das Feuer am Laufen zu halten. Ich finde es sehr schade als Betroffene, wenn es zwar Störfeuer gibt, aber dann kein weitergehendes Interesse oder eine Aktion. Ein Löwe hat gebrüllt und das Brüllen ist verhallt. So ändert man nichts. Meine Forderungen sind z.B. lebensweltorientierte Hilfen, aufsuchende Hilfen, Mitspracherecht, keine Betreuer. Ich wünsche mir Arbeitgeber, die auch Psychiatrieerfahrenen eine Arbeit geben. Ich fordere, dass ich nicht meine Hilfe mit zehn Menschen besprechen muss. Viele Betroffene finden sich nicht in den Hilfeplänen wieder, weil ihnen keiner richtig zuhört. Es wird schon zugehört, aber mit dem Ohr der Finanzierung und dem Ohr der Krankenkassen und dem Ohr der Betreuer und noch vielen anderen Ohren. Ich benötige da Hilfe, wo ich wohne, auch wenn kilometerweit keine Ambulanz ist, dann halt im Dorf oder in der Gemeinde.

 

Das Berliner Manifest hilft, wenn es einen Plan gibt. Wenn nicht nur Schlagwörter in die Welt posaunt werden und „dann warten wir mal“ und „dann schauen wir mal, was passiert.“ Das Berliner Manifest hat gebrüllt. Ich sage jetzt: Füllt es mit Leben, brüllen alleine hilft nicht.

 

Martina Heland Graef

Gez. Martina Heland-Graef

Vorstandsmitglied Baype

Was bedeutet Open Dialogue / Offener Dialog?

Auf Deutsch: Offener Dialog. Das Konzept des Offenen Dialogs ist vor Jahren in Finnland entstanden, um den betroffenen Menschen eine bedürfnisangepasste Behandlung anbieten zu können. Das erste therapeutische Treffen - die sogenannte Therapieversammlung - findet innerhalb von 24 Stunden statt. Die Familie, andere wichtige Bezugspersonen, Fachkräfte der medizinischen Grundversorgung und die Sozialdienste werden einbezogen.

 

Es geht um einen offenen Austausch von Erfahrungen, Einschätzungen und Vorschlägen für das weitere Vorgehen. Bei Bedarf arbeitet das psychiatrische Akut-Team mit dem Netzwerk weiter. Alle Diskussionen über die Behandlung werden mit der Familie, den wichtigen Bezugspersonen und natürlich mit der Patientin und dem Patienten geführt, die Entscheidungen werden mit allen gemeinsam getroffen. Dieses Behandlungskonzept wurde in Finnland erfolgreich umgesetzt.

 

Die Genesungsrate liegt bei 85 Prozent. Die Behandlung findet mehrheitlich ohne den Einsatz von Medikamenten statt. Jaakko Seikkla: "Die Psychose ist eine Antwort auf eine sehr schwierige Lebenssituation.“ Robert Whitaker: "Pro Hunderttausend treten noch zwei Fälle von Schizophrenie auf, ein Rückgang um 90 Prozent.“

 

Weitere Infos unter:

Was ist eine Soteria?

Was ist eine Soteria? Die Psychiatrie-Erfahrenen fordern eine gewaltfreie Psychiatrie ohne Zwangsmaßnahmen und ohne Zwangsbehandlungen. Neben dem Open Dialogue ist die Soteria (altgriechisch: Wohl, Rettung) eine wünschenswerte Alternative zu den geschlossenen Abteilungen in den Bezirkskliniken Bayerns.

 

Der amerikanische Psychiater Loren Mosher realisierte die erste Soteria, die nach zwölf Jahren aufgrund der fehlenden Finanzmittel wieder geschlossen werden musste. Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi gründete im Jahr 1984 die erste Soteria in Europa, die bis heute besteht. Beim Soteria-Konzept steht die therapeutische Beziehung zum Patienten im Mittelpunkt und beinhaltet eine erhebliche Verminderung des Medikamentenbedarfs.

 

In Bayern gibt es eine Soteria nur am Klinikum München-Ost (Haar). Im benachbarten Baden-Württemberg gibt es eine Soteria im Zentrum für Psychiatrie Reichenau und an der Münsterklinik Zwiefalten. Der Landesverband fordert, dass das Soteria-Konzept in Bayern mehr Beachtung findet. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage.

 

Die Soteria-Jahrestagung 2014 der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Soteria (IAS) fand vom 24. bis 25. Oktober 2014 im Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) statt. Unsere Mitglieder Dagmar Koch, Karin Haehn und Achim Kuck haben an dieser Tagung teilgenommen. Karin Haehn berichtet: Das ZfP liegt landschaftlich traumhaft am Bodensee. Ansprechende, gepflegte Häuser, umgeben von parkähnlichem Gelände mit altem Baumbestand gaben mir ein Urlaubsgefühl. Das Haus ist stolz auf das Soteria-Behandlungskonzept. Seit Juli 2014 wird hier ein Forschungsprojekt der Universität Konstanz umgesetzt, in dem es um die Früherkennung und Frühbehandlung junger psychotischer Menschen geht. Die Rechte der Patienten werden hier und auch in den anderen Soteria-Einrichtungen in den Vordergrund gestellt.

 

Die Berliner Soteria wurde von Dr. med. Martin Voss, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, vorgestellt, die eng mit der Universität zusammenarbeitet. Ex-In-Absolventen werden in die Arbeit miteinbezogen. Inzwischen ist es auch in der Forschung angekommen, dass Antipsychotika eine Volumenminderung bei den frontalen Hirnlappen hervorrufen. Begleitetes Absetzen wird immer öfter gefordert. Dr. phil. Daniel Nischk referierte über die Sinnfindung in der Soteria Reichenau.

 

Danach gingen wir über zur Ehrung von Professor Luc Ciompi, der seinen 85. Geburtstag feiern konnte und dessen Lebenswerk gewürdigt werden sollte. Dr. med. Holger Hoffmann aus Bern übernahm diese ehrenvolle Aufgabe und hob hervor, wie wichtig das für das Gelingen der Soteria in Bern und ihre Einbindung in die Sozialtherapie war. Zentraler und wichtigster Ort in Bern ist das weiche Zimmer mit der Eins-zu-Eins-Betreuung.

 

Im Jahr 1997 wurde die Internationale Arbeitsgemeinschaft Soteria (IAS) gegründet. Seitdem arbeitet die Arbeitsgemeinschaft trialogisch. Auf den Jahrestagungen werden die Entwicklungen der entstandenen Soteria-Stationen und Soteria-Elemente vorgestellt und deren Vor- und Nachteile zusammen diskutiert. Am nächsten Morgen, nach der Geburtstagsfeier, begann die IAS-Jahrestagung 2014. Wir Psychiatrie-Erfahrenen (PE) waren zu fünft, zwei gehörten der AG-Soteria im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE e.V.) an, eine Teilnehmerin kam aus München und zwei waren Mitglieder des Berliner Netzwerk Stimmenhören e.V. Außer uns waren ca. 30 MitarbeiterInnen von Soteria-Stationen anwesend. Besonders hat sich mir der Bericht aus Heidenheim eingeprägt. Dort gibt es z.B. drei Therapie-Hunde auf der Station. Jede Zwangsmedikation ist dort nur mit vorher eingeholter richterlicher Anordnung möglich.

 

Die Genehmigung, sich Soteria zu nennen, liegt noch nicht vor. Lange wurde über den Vorschlag aus Bern verhandelt, die IAS in einen eingetragenen Verein umzuwandeln. Ich war als Einzige eindeutig dagegen, weil ich sicher bin, dass die Aufgaben durch die Vereinsgründung nicht weniger, sondern mehr werden. Der Bericht der Bonner Soteria machte deutlich, dass die Station sich noch in der Aufbauphase befindet und das Team nur dann gut arbeiten kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Nächstes Jahr wird die Soteria-Jahrestagung in der zweiten Oktoberhälfte in Zwiefalten stattfinden. Soweit aus dem Bericht von Karin Haehn, die Sie herzlich grüßt.

 

Karin Haehn, Achim Kuck, Xaver Deniffel (aus dem Rundbrief 2014)

Wir brauchen ambulante Krisendienste flächendeckend in ganz Bayern für die Betroffenen und ihre Angehörigen

Die Würde und die Unversehrtheit der Person sowie die freie Selbstbestimmung muss auch in der Psychiatrie im Mittelpunkt stehen. Der in der UN-Behindertenrechtskonvention festgelegte Grundsatz der Mitwirkung der Betroffenen in allen ihren Angelegenheiten muss für gesetzgeberische, gestaltende und persönliche Aufgaben durchdekliniert werden. Wir brauchen einen Prozess, in dem auch die Gemeinden sich auf Psychiatrie-Erfahrene und ihre Angehörigen zu bewegen - damit keine(r) sich mehr z.B. aus Scham umbringt.

 

Sehr hohe Unterbringungszahlen in Bayern weisen darauf hin, dass dieses Phänomen untersucht werden muss. Wir gehen davon aus, dass die bayerische Psychiatrie noch besonderer Unterstützung für eine Erneuerung bedarf. Dafür schlagen wir z.B. den Ausbau niederschwelliger und unabhängiger psychiatrischer Beschwerdestellen vor. Wir unterstützen die bayerischen Initiativen für ein PsychHG/PsychKG, d.h. ein Gesetz, das Hilfen für psychisch erkrankte Menschen und ihre Angehörigen beschreibt und das eine deutliche Verbesserung befördert.

Elektroschocks im 21.Jahrhundert

Ein Artikel von PETER LEHMANN aus dem Rundbrief des BayPE 2/2020

 

Elektroschocks in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Jahre 2020

Ohne Widerstand ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz die als »Elektrokrampftherapie« bezeichnete Auslösung eines Grand-mal-Anfalls ins Standardrepertoire der Psychiatrie zurückgekehrt. Deren Befürworter begründen den vorbeugenden, konsequenten und dauerhaften Einsatz des modernen Elektroschocks mit dessen geringer Rate unerwünschter Wirkungen und überlegenem Ansprechen. Sie befürworten den Einsatz auch bei Schwangeren, Kindern, Alten und Behinderten und sehen keinerlei absolute Kontraindikation. Andererseits berichten Anwender wie auch Kritiker von chronischen Gedächtnisstörungen nach modernen Elektroschocks, spontan wiederkehrenden epileptischen Anfällen, lebensbedrohlichen Folgen für Herz, Kreislauf und Hirngefäße sowie einer erhöhten Rate von Tot- und Frühgeburten.Die psychiatrische Disziplin befasst sich mit abweichenden mikro- oder makropolitischen Denk- und Sinnesweisen, reduziert diese auf Stoffwechselstörungen und bekämpft sie mit medizinisch ummantelten Maßnahmen im Versuch, die Demoralisierten, Leidenden oder Störenden an die herrschende Normalität anzupassen. Wer diese Vorgehensweise als rein medizinisches Problem versteht und sie Psychiatern überlässt, spielt ihrem Herrschaftsanspruch in die Hände und läuft Gefahr, ihren menschenrechtsfeindlichen Charakter erst dann zu verstehen, wenn er oder sie selbst – oder Oma, Opa, Mutter, Vater, Kind, Freundin, Freund, Liebster, Liebste – davon betroffen ist. Dieser Artikel ruft die von den Elektroschockfreunden ausgehende Gefahr ins Bewusstsein und empfiehlt Schutzmaßnahmen.

 

Der moderne Elektroschock – Gipfel der Humanität?

Mainstream-Psychiater drängten jahrzehntelang, vermehrt Elektroschocks zu verabreichen (Rufer, 1992). Noch 2007 warnte der Schweizer Arzt und Psychotherapeut Marc Rufer: »Es ist still geworden um diese Behandlungsmethode der Psychiatrie, die viele Menschen mit Folter, Grausamkeit und elektrischem Stuhl assoziieren. Doch diese Ruhe ist künstlich hergestellt, sie ist taktischer Natur – zu schlecht war nach Ansicht der schockenden Psychiater der Ruf dieser Behandlung geworden.« (S. 413) Derzeit haben nicht nur Homophobie, Fremdenhass, Sexismus und Antisemitismus Konjunktur. Auch der in der Zeit des Faschismus entwickelte Elektroschock erlebt eine Renaissance. 2012 riefen Psychiaterverbände in Deutschland, Südtirol (Italien), Österreich und der Schweiz dazu auf, flächendeckend Elektroschock-Apparate anzuschaffen und konsequent, vorbeugend und kontinuierlich einzusetzen (Grözinger u.a., 2012). Die Propagandisten des modernen Elektroschocks pochen unisono auf schonendere Praktiken seiner Verabreichung. Weitere Argumente sind das angeblich gute und sofortige »Ansprechen« auf Elektroschocks, die medikamentöse Unterdrückung der ansonsten bei epileptischen Anfällen auftretenden Muskelkrämpfe durch die Gabe von Muskelrelaxanzien (muskelerschlafenden Mitteln), gelegentliche und tolerierbare »zeitlich nur begrenzte kognitive (die Erkenntnis- und Informationsverarbeitung betreffende) Nebenwirkungen« und fehlende neuere Berichte über elektroschockbedingte Hirnblutungen.

 

Vertreter kritischer Positionen beschuldigt man einer ignoranten Leidenschaftlichkeit, der Behinderung dringend erforderlicher Behandlungen sowie unethischer Positionen gegenüber zwangsweise verabreichten modernen Elektroschocks. Die Kritik an Elektroschocks und dessen schädliche Wirkungen auch bei seinen modernen Varianten will man mit dem stereotyp vorgebrachten Argument abtun, sie sei einzig eine Reaktion auf die zeitgemäße und drastische Darstellung dieser Methode in dem Oscar-prä-mierten Film »Einer flog über das Kuckucksnest« von Miloš Forman aus dem Jahr 1975. Einzelne, lediglich subjektiv belastende autobiographische Gedächtnisstörungen seien zwar zu beachten, jedoch bezüglich Häufigkeit und Ursächlichkeit unklar. Und viele Patientinnen und Patienten würden – belegt durch anekdotenhafte »Fallberichte« – zwangsweise verabreichte Elektroschocks im Nachhinein befürworten. Medizinisch, juristisch und ethisch seien gegen den natürlichen Willen verabreichte moderne Elektroschocks nicht anders zu bewerten als jede andere psychiatrische Zwangsbehandlung auch, so ein Grundsatzartikel im Nervenarzt, dem Organ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): »Obwohl die EKT als ärztliche Zwangsmaßnahme, wie jede Behandlung gegen den natürlichen Patientenwillen, einen schweren Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht darstellt, kann ihr Einsatz im Einzelfall medizinisch indiziert, rechtlich zulässig und ethisch geboten sein.« (Zilles u.a., S. 313) Im deutschsprachigen Raum werden derzeit die Elektroschock-Apparate Thymatron® und spECTrumTM eingesetzt. Produziert werden sie von den US-amerikanischen Firmen Somatics LLC bzw. Mecta Corporation. »Optimierte EKT ist die neueste Form der EKT«, wirbt die Mecta Corporation (2020), ihre Geräte seien die technisch fortgeschrittensten Apparate, jetzt noch effektiver und noch sicherer als zuvor. In ihrer Diplomarbeit an der Höheren Fachschule Intensiv-, Notfall- und Anästhesiepflege Zürich beginnt Anja Grigoli-Bretschneider (2016) die Zusammenfassung mit der Position, die das Studium der Literatur der Elektroschockbefürworter ergab: »Die Elektrokrampftherapie (EKT) stellt ein einzigartiges, humanes und sicheres Verfahren für die Behandlung vieler therapieresistenter psychischer Erkrankungen dar.« Hier wiederholt sich die Geschichte. Die gleiche Aussage traf vor fast acht Jahrzehnten der US-amerikanische Psychiater Abraham Myerson:»Die Elektroschocktherapie scheint ohne nennenswerte Gefahr zu sein.« (1941, S. 1084)

 

Moderne Schockzahlen

2008 – neuere Zahlen liegen nicht vor – verabreichte man in der Schweiz ca. 2.100 Elektroschocks (26,9 pro 100.000 Einwohner), in Österreich 1600 (20,5 / 100.000), in Deutschland 30.000 (36,7 / 100.000). Im Vergleich mit einigen europäischen Ländern befinden sich die deutschsprachigen Länder im unteren Drittel. In Dänemark beispielsweise ist die Rate zehnmal höher als in Deutschland. In Deutschland stieg die Zahl der verabreichten Elektroschocks zwischen 1995 und 2008 zwar um das Zweieinhalbfache (Henkel & Grözinger 2013, S.17), in der Schweiz verzehnfachte sich die Elektroschockrate von 2007 bis 2010 (Ramseier u.a. 2011), doch im internationalen Vergleich liegt man in diesen Ländern nach wie vor am unteren Ende. Entsprechend heftig sind die Anstrengungen der Psychiater auch in der Schweiz, den internationalen Rückstand aufzuholen. Dass es auch konträre Stimmen in der Schulpsychiatrie gibt, wonach Elektroschocks unnötig seien, quittiert man mit Schweigen. Der Psychiater Asmus Finzen, Leitender Krankenhausarzt 1975-1987 in Wunstorf (BRD) und bis 2003 in Basel, berichtete 2018, in all den Jahren seiner Berufstätigkeit sei er für ca. 50 000 Patientinnen und Patienten zuständig gewesen, habe aber kein einziges Mal die Verabreichung von Elektroschocks für nötig befunden (siehe Hannig, 2019). In aller Welt sind es mehrheitlich Frauen und ältere Menschen, denen man Elektroschocks verabreicht (Henkel & Grözinger 2013, S. 17). In der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, den Kliniken mit den höchsten Schockzahlen in der Schweiz, betrug der Anteil weiblicher Elektroschock-Patienten 63,5% (Pfaff u.a. 2013, S. 387). In Ländern anderer Kontinente, beispielsweise in Pakistan, Hongkong oder Saudi-Arabien, findet sich ebenfalls eine Majorität von Frauen unter den Behandelten (Henkel & Grözinger, 2013, S. 20). Mainstream-Psychiater sehen weder absolute noch relative Kontraindikationen, wenn sie moderne Elektroschocks verabreichen wollen (Grözinger u.a., 2016, S. 8f.).

 

Wirkprinzip epileptischer Anfall

Auch wenn man heutzutage harmloser klingende Begriffe wie »Elektrokrampftherapie (EKT)«, »elektrische Durchflutungstherapie« oder »Elektrokonvulsionstherapie« benutzt und gelegentlich von einer »Hightech-Schockbehandlung« spricht: Am Wirkprinzip des Elektroschocks, so seine ursprüngliche Bezeichnung, hat sich nichts geändert. Die Psychiatrischen Dienste Graubünden informieren entsprechend: »Die EKT hat sich seit ihrer Einführung vor mehr als 80 Jahren in der technischen Ausführung fundamental verändert, wenngleich das Grundprinzip der Behandlung gleich blieb.« (2019) Der ungarische Psychiater Meduna glaubte, dass sich Epilepsie und das, was in der Psychiatrie unter Schizophrenie verstanden wird, gegenseitig ausschließen. Deshalb forschte er ab 1933 an der Budapester Universitätsklinik an Meerschweinchen und Menschen, wie man künstliche epileptische Anfälle auslösen kann. In der Neurologie forschte man dagegen nach Methoden, epileptischen Anfällen wegen der langfristig damit einhergehenden Hirnschäden vorzubeugen. 2012 betonte Michael Grözinger, Sprecher der DGPPN in Sachen Elektroschock und Mitherausgeber des Mainstream-Standardwerks »Elektrokonvulsionstherapie kompakt«, unter Hinweis auf Meduna gemeinsam mit Kollegen die absolute Notwendigkeit, einen großen epileptischen Anfall als wirkungsaktives Mittel auszulösen: »Die grundlegende Hypothese Ladislas Medunas zum Wirkmechanismus, der zufolge der generalisierte Krampfanfall das therapeutische Agens (Wirkfaktor - P.L.) der EKT darstellt, besitzt auch heute noch Gültigkeit. Alle Versuche, diesen Kernbestandteil der Methode zu modifizieren, waren mit einer Einbuße an therapeutischer Wirkung verbunden.« (S. 919) Nach Einleiten einer Narkose und der Gabe eines Muskelrelaxans platziert man die Elektroden einseitig (unilateral) oder an beiden Schläfenseiten (bilateral). Dann wird per Schalter das Gehirn »angeregt«, das heißt, mit Stromstößen der epileptische Anfall, also der Hirnkrampf ausgelöst. Dieser findet statt, auch wenn die Patientin bzw. der Patient bewusstlos ist. In manchen Einrichtungen, z.B. dem Psychiatrischen Uniklinikum Zürich/Uniklinikum Balgrist, wird grundsätzlich bilateral elektrogeschockt. Grigoli-Bretschneider berichtet aus ihrem Praktikum: »In Balgrist wird laut der Psychiaterin stets bilateral geklebt und stimuliert. Auf die Frage, warum dies so gemacht werde, antwortet die Psychiaterin, welche ihren Namen nicht erwähnt haben möchte, dass die Krämpfe so besser seien. Es habe zwar mehr Nebenwirkungen, da mehr Strom appliziert wird, jedoch sei es dann sicher, dass der Krampf gut werde.« (2016, S. 19) Meist werden Elektroschocks in Serien verabreicht, sechs bis zwölf Schocks in zwei- bis dreitägigem Abstand. Menschen mit der Diagnose »Schizophrenie« werden besonders starke und viele Elektroschocks verabreicht. Zunächst einmal sollen zwanzig Schocks verabreicht werden, um zu sehen, ob sie auf die Schocks »ansprechen«.

 

Gelegenheiten für moderne Elektroschocks

Als Indikation für moderne Elektroschocks gelten behandlungsresistente Depressionen und Psychosen, unbefriedigende Wirkungen von Antidepressiva, Neuroleptika (»Antipsychotika«) und Stimmungsstabilisatoren, deren Unverträglichkeit oder Ablehnung. Die früher vertretene Position, Elektroschocks seien im Wesentlichen eine Ultima Ratio, speziell bei febriler Katatonie (einer mit Fieber und Störungen der Motorik, die gelegentlich von extremer Erregung zu extremer Passivität wechselnder Symptomatik), gilt längst als »unwissenschaftlich, medizinisch unangemessen und faktisch unrichtig« (Berthold-Losleben & Grözinger 2013, S. 51). Die potenziell Depressionen-chronifizierende Wirkung von Antidepressiva und Psychosen-chronifizierende Wirkung von Neuroleptika (Lehmann 2017, S. 94-102) drängt Psychiatern Elektroschocks geradezu auf, wenn ihre Psychopharmaka ausgereizt sind. Für Neuroleptika-bedingte Erstarrungszustände bot beispielsweise der deutsche Psychiater Helmut Selbach diese Lösung an: »Und bei den letzteren können wir pharmakologisch gar nichts erreichen, da können wir nur noch mit der Elektroschock-Therapie dazwischenfahren, und damit ist unsere Weisheit am Ende.« (1963) Wenn – aus welchem Grund auch immer – die psychischen Probleme abgeklungen sind, bedeutet dies nicht, dass Psychiater von der Verabreichung von Elektroschocks ablassen wollen. Jetzt kommen EEKT ins Spiel, »Erhaltungs-Elektrokrampf-Therapien«. Vorsorglich fortgesetzte Elektroschocks in verminderter Frequenz böten den besten Schutz vor Rückfällen. Die Empfehlung lautet: sechs- bis zwölfmal im wöchentlichen Abstand, dann viermal im Abstand von zwei Wochen, dann viermal im Abstand von drei Wochen, anschließend monatlich. Bei Menschen mit der Diagnose »Schizophrenie« empfiehlt man, nicht länger als drei Wochen bis zum nächsten Elektroschock zu warten (Di Pauli & Grözinger, 2013). Der moderne Elektroschock findet in zeitgemäßer Form computergesteuert statt und entspricht dem Zeitgeist der Computertechnologie und Internetvernetzungen, deren Funktionsweise auch dem menschlichen Geist zugrunde gelegt werden (Eckoldt, 2016, S. 207-222). Seit Jahren entwickeln Mathematiker, Informatiker, Biologen und Neurologen mathematische Modelle (»Neuromodeling«), die individuelle Mechanismen menschlichen Verhaltens oder neuronaler Aktivität zu beschreiben und vorherzusagen versuchen (Universität Zürich, 2015; Fuchs, 2015). Ähnlich Facebook oder Amazon, wo Logarithmen neue Freunde oder Waren empfehlen, liest die künstliche Intelligenz die in der Psychiatrie gemessenen Hirnströme in Rechenprogramme ein und empfiehlt die Diagnose und Behandlung. Man braucht wenig Phantasie, um vorauszusagen, dass – wenn die Patientinnen und Patienten eh schon auf dem Behandlungsbett liegen und verdrahtet sind – über kurz oder lang aus Optimierungsgründen der Hirnstrommessung gleich ein logarithmenbestimmter Elektroschock folgen wird.

 

Behandlungsschäden durch moderne Elekt­roschocks

Die Psychiatrischen Dienste Graubünden informieren über mögliche Folgen des Elektroschocks: »Wenn die EKT frühzeitig bei schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankungen eingesetzt wird, kann es im günstigsten Fall zur Verhinderung oder zumindest zur Verringerung von Folgewirkungen der psychiatrischen Erkrankungen kommen, wie z.B. Reduzierung von sozialen und familiären Konsequenzen bei lang andauernder psychiatrischer Erkrankung.« (2019) Familiäre und soziale Konflikte können so kaschiert werden, wenigstens kurzfristig. Welche Folgen im weniger günstigen Fall für die Betroffenen auftreten, bleibt unerwähnt. Die bekanntesten Behandlungsschäden infolge moderner Elektroschocks sind kognitive Störungen sowie Gedächtnisstörungen. Psychiater teilen diese in vier Kategorien ein: 1) vorübergehende postiktale (nach dem Krampfanfall auftretende) Unruhezustände und Delirien, 2) anterograde Amnesie (auf einen kürzeren oder längeren Zeitraum vor der Behandlung bezogener Gedächtnisverlust), 3) kurzzeitige retrograde Amnesie (auf zurückliegende Ereignisse bezogener Gedächtnisverlust) und 4) gravierende retrograde Amnesie. Speziell in der US-amerikanischen Bedienungsanleitung des Thymatron®IV spricht die Herstellerfirma Somatics die vierte Kategorie an: »Eine kleine Minderheit der mit EKT behandelten Patienten berichtet später von verheerenden kognitiven Folgen. Patienten konnten aufzeigen, dass sie eine dichte Amnesie haben, die weit in die Vergangenheit zurückreicht, wenn es sich um Ereignisse von persönlicher Bedeutung handelt, oder dass eine breite kognitive Funktion so beeinträchtigt ist, dass die Patienten nicht mehr in der Lage sind, frühere Berufe auszuüben. In einigen Selbstberichten von Patienten über schwerwiegende EKT-induzierte Defizite kann sich ein objektiver Funktionsverlust widerspiegeln... In seltenen Fällen kann die EKT zu einer dichten und anhaltenden retrograden Amnesie führen, die sich über Jahre erstreckt...« (undatiert) Manche Patientinnen und Patienten vergessen nach Elektroschocks, dass sie Kinder haben, oder sie wissen nicht mehr, wie sie heißen und wie alt sie sind. Da es »während« der Verabreichung  von Elektroschocks zu massiven Einschränkungen in der Merkfähigkeit kommen könne, wird laut Christoph Frey von den Psychiatrischen Diensten Graubünden allen Betroffenen vorher angeraten, sämtliche PIN-Codes und Ähnliches aufzuschreiben (Grigoli-Bretschneider, 2016, S. 4). Da vermutlich niemand während des Elektroschocks Onlinebanking machen, im Internet surfen oder sein Smartphone benutzen will, ist anzunehmen, dass sich der Ratschlag auf die Zeit danach bezieht. Sein deutscher Kollege Nils Greve und Kolleginnen räumten entsprechend ein, dass Gedächtnislücken bestehen bleiben und als extrem belastend erlebt werden können (2017, S. 72). Auch die American Psychiatric Association informiert, »... dass EKT zu lang anhaltendem oder dauerhaftem Gedächtnisverlust führen kann.« (2001, S. 71) Retrograde Amnesie ist ernst und kommt häufig vor, und für viele machen die Auswirkungen der chronischen Beeinträchtigungen des Gedächtnisses und der kognitiven Fähigkeiten jeglichen kurzfristigen Nutzen der Elektroschocks auf Dauer zunichte (Robertson & Pryor, 2006, S. 234). Lang anhaltende sowie chronische Gedächtnisschäden treten in Häufigkeitsraten von 50 % auf (Squire & Slater 1983). Kritische Berichte von Betroffenen wie beispielsweise der Autorin Kerstin Kempker (2000) oder der folgende von Maria Sander, die ebenfalls ihren Zustand nach der Verabreichung von Elektroschocks beschreibt, haben in Medien der Mainstream-Psychiatrie keine Chance auf Veröffentlichung: »Leider habe auch ich mich in der Hoffnung auf Besserung dieser Methode 2019 mit 28 Jahren unterzogen und hatte und habe massive Einschränkungen. Ich weiß leider nicht mehr, wo genau am Kopf die Elektroden angebracht wurden. Ich habe gerade nochmal den Arztbrief angesehen. Ich weiß leider – auch wegen der Erinnerungslücken damals und heute – auch nicht mehr, wie viele EKTs durchgeführt wurden. Ich glaube es waren aber unter 6 und auf jeden Fall mindestens 3. Ich habe danach wochenlang Menschen, mit denen ich in einem Mehrfamilienhaus wohne, nicht erkannt oder ich habe diese ständig gefragt, ob ich mit ihnen verwandt sei. Ich habe mich sehr blamiert. Erinnerungen an früher fühlen sich an wie ein kurz gesehener Film, aber nicht wie ein tatsächlich selbst erlebtes Leben. Empathie und Liebe sind seit der Behandlung auch stark bei mir eingeschränkt. Ich habe mich vom Wesen leider sehr verändert. Das Schlimmste sind allerdings die kognitiven Einbußen. Ich habe früher ein Abi und Examen mit einer 1 vor dem Komma geschafft, jetzt kann ich allerdings kaum noch gut schriftlich formulieren. Am meisten belastet mich das mangelnde Zeitgefühl. Es fühlt sich alles an wie eine lange Zeitspanne und ich komme nicht mehr zur Ruhe. Ich kann die Tage nicht voneinander unterscheiden und muss öfter meine Nachbarn fragen. Die EKT ist nun ein Dreivierteljahr her und ich habe von dem Krankenhaus nach Rückfrage am Telefon gesagt bekommen, dass könne nicht mehr von der EKT kommen. Ich muss nun mit diesen Schäden leben und trau mich so auch nicht mehr zu arbeiten. Ich war Bibliothekarin.« (2020)

 

Zensur kritischer Artikel

Dass Hersteller wie die Mecta Corporation (2017, S. 21) in ihrer Werbung ausschließlich befürwortende Betroffene und Angehörige zu Wort kommen lassen und keine Geschädigten, ist in einem gewinnorientierten Unternehmen verständlich. Kritische Stimmen zu Elektroschocks kommen aber auch in psychiatrischen Zeitschriften nicht zu Wort, die sich reformorientiert geben. Ein Beispiel dafür sind die im Psychiatrieverlag erscheinenden Sozialpsychiatrischen Informationen (SPI). Dort wollte der Autor dieses Artikels in einem Beitrag auf das Symposium »Die Wiederkehr des Elektroschocks: Legitime Therapie oder verantwortungslose Schädigung?« bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) 2018 in Magdeburg hinweisen und dazu beitragen, dass das Risiko lang anhaltender sowie chronischer Gedächtnisschäden durch Elektroschocks nicht weiterhin totgeschwiegen, bagatellisiert oder mit Berichten einzelner dankbarer Elektroschockpatientinnen und -patienten weggeredet wird. Dieser Versuch wurde jedoch von der SPI-Redaktion mit der Zurückweisung seines Artikels und dieser Argumentation zunichte gemacht: Der Text sei zwar informativ, manchmal aber auch polemisch. Weiterhin nicht überzeugend, so die SPI-Redaktion, sei die Annahme, dass Psychiater nicht die Wahrheit zu den Risiken und Schäden sagen. Der Artikel sei gefährlich, denn er berge die Gefahr, dass der ›immer wieder gezielt in die Öffentlichkeit getragenen Darstellung der Elektrokrampftherapie als veraltete, überholte oder gar inhumane und grausame Behandlungsmethode‹ Vorschub geleistet werde. (Mittlerweile ist der zensierte Artikel anderweitig erschienen [Lehmann, 2019].) Zu den SPI-Redaktionsmitgliedern von 2018 zählten Peter Brieger, Psychiater und Ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums München (mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten) und Eva-Maria Franck, Oberärztin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover (Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten). Im SPI-Redaktionsbeirat saßen Helmut Hasel-beck, ehemaliger Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Bremen-Ost (mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten) und Renate Schernus vom Evangelischen Krankenhaus Bielefeld – Standort Bethel (mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten). Das Editorial der SPI Heft 3/2018, für das der Artikel gedacht war, schrieb Dyrk Zedlick, SPI-Redaktionsmitglied und Chefarzt des Rudolf-Virchow-Klinikums Glauchau (Akademisches Lehrkrankenhaus des Universitätsklinikums Jena – mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten). Bezeichnend ist, dass trotz der Tatsache, dass die genannten Redaktionsmitglieder in teilweise leitenden Stellungen ihrer Kliniken tätig waren (oder noch sind) und diese mit Elektroschocks erhebliche Zusatzeinnahmen erwirtschaften, jegliche Erklärung der Interessenkonflikte unterblieb.

 

Weitere Behandlungsschäden durch moder­ne Elektroschocks

Lucy Johnstone von der University of the West of England in Bristol befragte Betroffene, die negative Erfahrungen mit psychiatrischer Behandlung gemacht hatten, und kam zum Schluss, dass die Verabreichung von Elektroschocks für einen Teil der Patientinnen und Patienten eine tiefgreifende und dauerhaft traumatische Erfahrung bedeutet: »Eine Vielzahl von Themen kamen auf, darunter Gefühle von Angst, Scham und Demütigung, Wert- und Hilflosigkeit sowie das Gefühl, misshandelt und vergewaltigt worden zu sein.« (1999, S. 69) In der psychiatrischen Literatur finden sich weitere unterschiedlich oft auftretende Behandlungsschäden infolge moderner Elektroschocks: Unruhezustände, stundenlange delirante Zustände, Kopfschmerzen, Sprachversagen, anhaltende epileptische Anfälle von mindestens mehreren Minuten (Status epilepticus), auf Dauer spontane epileptische Anfälle, fünffach erhöhte Suizidrate in der auf Elektroschocks folgenden Woche, Blutdruck- und Herzrhythmusstörungen, Atemstillstand, Einrisse in Gefäßwänden, Lungenentzündungen infolge Ansaugen von Mageninhalt in die Lunge, Asthmaanfälle, Krämpfe der glatten Bronchialmuskulatur und des Kehlkopfes, Schwindelzustände, Übelkeit, Einkoten, Einnässen, Risse in der Blasenwand, Verletzungen an der Zunge, den Lippen, den Zähnen und der Mundschleimhaut (Übersicht siehe Lehmann, 2017, S. 141-151). Die gefährlichen vegetativen Reaktionen sind unabhängig von der Krampfdauer und können das Krampfende überdauern. Werden Schwangere geschockt, liegt die kindliche Sterblichkeit bei 7,1 % (Paulzen & Benkert, 2017, S. 928). Beschreiben Psychiater intern Hirnschäden durch Elektroschocks, verneinen sie diese außerhalb ihrer Fachveröffentlichungen mit Vehemenz. Moderne Elektroschocks würden das Erinnerungsvermögen stärken, die Entstehung von Nervenzellen und den Aufbau von neuen Verbindungen im Gehirn stimulieren und die Dichte der Rezeptoren für Botenstoffe erhöhen, die Hirndurchblutung verbessern, die Sterblichkeit jedweder Ursache vermindern. Laut Peter Gøtzsche, Facharzt für innere Medizin und bis 2018 Direktor des Nordic Cochrane Center in Kopenhagen, handelt es sich bei den genannten Neubildungen im Gehirn lediglich um Narbengewebe, entstanden als Reaktion auf die gesetzten Schäden (2016, S. 213-218). Aufklären, auch über Psychotherapie als Alternative? Ironischerweise nennen selbst die Befürworter von Elektroschocks Alternativen, jedenfalls in ihrer Fachliteratur; Berthold-Losleben und Grözinger schreiben: »Tatsächlich gibt es in der Praxis immer eine Alternative zur EKT, auch wenn sie vielleicht weniger wirksam ist. Im Fall einer ablehnenden Haltung können psychopharmakologische und psychotherapeutische Interventionen intensiviert oder modifiziert werden. Patienten müssen über diese Alternativen aufgeklärt werden und können sich dann entscheiden. Die Darstellung der EKT als Ultima Ratio ist unwissenschaftlich, medizinisch unangemessen und faktisch unrichtig. Sie ist deshalb grundsätzlich abzulehnen.« (2013, S. 51) Die oben genannte febrile Katatonie lässt sich mit dem krampflösenden Medikament Dandrolen oder mit Benzodiazepinen wie Lorazepam® (im Handel auch als Sedazin®, Tavor®, Temesta®) und in Kombination mit Elektrolyten risikoarm behandeln (Spieß-Kiefer & Hippius, 1986). Was Psychiater »Aufklärung« über Behandlungsrisiken nennen, besteht in der Regel aus der Information, Elektroschock würden kurzfristig und vorübergehend zu Gedächtnisproblemen führen. Aus Gründen, die mit unterschiedlichen medizinischen Kompetenzen, ethischen Einstellungen oder Einschätzungen von Haftungsrisiken zu tun haben könnten, informieren Kliniken mit betriebsbereiten Elektroschockgeräten mit abweichenden Formulierungen. Während das Psychiatriezentrum Münsingen AG (undatiert) wissen lässt, Gedächtnisstörungen nach Elekt-roschocks würden sich vollständig zurückbilden, formulieren die Psychiatrischen Dienste Aargau AG vorsichtiger: »Häufigere Nebenwirkungen beinhalten Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Übelkeit, vorübergehende Verwirrtheitszustände und Gedächtnisstörungen. Kopfschmerzen, Muskel-schmerzen und Übelkeit sind normalerweise wenig ausgeprägt und vorübergehend und können durch Medikamente verhindert oder günstig beeinflusst werden. (...) Es kann aber vorkommen, dass es längere Zeit braucht, bis einzelne Ereignisse aus den Tagen oder Wochen vor der Behandlung wieder in Erinnerung gerufen werden können, einzelne bleiben sogar für immer verloren. Einzelne Patienten haben auch über größere Gedächtnislücken berichtet.« (2015, S. 2)

 

Fazit

Es muss daher allen Betroffenen und Angehörigen, denen Elektroschocks vorgeschlagen werden, geraten sein, sich ausgewogen zu informieren und vor einer möglichen Entscheidung pro Elektroschock Publikationen anzuschauen, die nicht dem Prinzip des Expertenmonologs folgen, insbesondere Berichte von geschädigten Betroffenen (gemäß dem Motto »Die Wahrheit über Katzen erfährt man bei den Mäusen«). Kritische Publikationen sind im Internet unter www.peter-lehmann.de/ekt gelistet. Kliniken mit einsatzbereiten Elektroschock-Apparaten in Deutschland, Österreich und der Schweiz finden Sie auf https://t1p.de/schockbereit.Von psychiatrisch Tätigen ist wenig Unterstützung zu erwarten, profitieren diese doch von den durch Elektroschocks erwirtschafteten Zusatzeinnahmen. Diese sichern den eigenen Arbeitsplatz. Die durch herkömmliche wie auch hochmoderne Elektroschocks gesetzten möglichen Schäden kreieren immer neue Aufgaben – bei der fortschreitenden Privatisierung des Gesundheitsbereichs ein durchaus lohnendes Geschäftsmodell. Sinnvoll ist deshalb eine eindeutige Erklärung in einer Patientenverfügung zur Bereitschaft, sich im Fall des Falles Elektroschocks verabreichen zu lassen – oder diese abzulehnen. Eine psychosoziale Vorausverfügung mit Formulierungsvorschlägen zum Thema »Pro & Contra Elektroschock« steht im Internet auf www.peter-lehmann.de/voraus. Und überlegen Sie es sich dreimal, ob Sie sich auf die dauerhafte Verabreichung von Antidepressiva und Neuroleptika einlassen, wenn als Konsequenz Behandlungsresistenz und schließlich Elektroschocks drohen.

 

Anmerkungen

Die Übersetzungen aus dem Englischen stammen von Peter Lehmann. Die umfangrei-hen Quellenangaben stehen aus Platzgründen separat im Internet unter www.peter-lehmann.de/document/eschock2020.

 

Über Peter Lehmann

Diplom-Pädagoge, Autor und Verleger in Berlin. Bis 2010 langjähriges Vorstandsmitglied des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen. 2010 Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Aristoteles-Universität Thessaloniki. 2011 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Buchveröffentlichungen: »Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen«, »Statt Psychiatrie« (Hg. mit Kerstin Kempker), »Schöne neue Psychiatrie«, »Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern« (Hg.), »Statt Psychiatrie 2« (Hg. mit Peter Stastny), »Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika – Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen« (gemeinsam mit Volkmar Aderhold, Marc Rufer & Josef Zehentbauer) u.v.m. Mehr siehe www.peter-lehmann.de

Copyright by Peter Lehmann 2020

 

Außerdem empfielt sich für Interessierte der Aufklärungsbogen Elektroschock

 

Aktueller Beschluss des Bundesgerichtshofes

 

Am 15.01.2020 beschloss der Bundesgerichtshof, dass die Elektrokrampftherapie als Zwangsmaßnahme für Schizophrene in der Regel nicht genehmigungsfähig ist. Hintergrund ist die Klage eines Betroffenen mit einer chronifizierten paranoiden Schizophrenie, der 2018 wiederholt zwangsweise mit Elektroschocks behandelt wurde. Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass Zwangsmaßnahmen nur angewendet werden dürfen, wenn die Art der Maßnahmen nach medizinisch-wissenschaftlichem Konsens "notwendig" sind, was bei Elektroschocks eben nicht der Fall ist. Die vollständige Pressemitteilung finden Sie hier

Experten aus Erfahrung: Genesungsbegleiter*innen

Trialog im Netz

https://www.trinetz.de/

 

Genesungsbegleiter*innen sind Menschen, die psychische Krisen erlebt haben und dies als Ressource nutzen möchten, um anderen mit diesem Erfahrungswissen zu helfen. Auf der Seite "Trialog im Netz" finden Sie alles Wissenswerte rund um das Thema Genesungsbegleitung, inklusive einer eigenen Stellenbörse.

 

Interview Bayern Barrierefrei

Margarete Blank und Martina Heland-Gräf unterhielten sich im letzten, sehr heißen Sommer mit den Machern der Webseite "Bayern Barrierefrei der Bayerischen Staatsregierung.

 

Die beiden Vorstandsfrauen des BayPE gaben Auskunft, was es heißt psychiatrieerfahren zu sein und eben nicht "psychisch krank", welche Behinderungen betroffene Menschen im Alltag erleben, sei es durch die Medikamente oder verständnislose Mitmenschen, und dass Arbeitslosigkeit und Armut die größten Barrieren für eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft sind.

 

Die Vorurteile der Umwelt gegenüber "Psychisch Kranken" machen es den Betroffenen schwer, offen mit den Behinderungen umzugehen, zumal sie, im Gegensatz zu körperlichen Behinderungen, nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Gute Arbeitgeber, zu denen man Vertrauen aufbauen kann, verzichten nicht auf das Können der Psychiatrieerfahrenen und integrieren die leicht behinderten Menschen mit nur geringem Aufwand in das Arbeitsleben.

 

Weitere Themen des Gesprächs waren die Selbsthilfe, die Soteria und ein zu schaffender bayernweiter Krisendienst sowie die Mitarbeit des BayPE e.V. am neuen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (PsychKHG), das der Bayerische Landtag verabschieden will. Das vollständige Interview finden Sie [hier] .