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Ausnahmezustände der Seele

Das Leben ist nicht immer nur eitel Sonnenschein, das hat jeder von uns schon erfahren. Man hatte Liebeskummer, Ärger mit den Eltern oder die Schule war eine einzige Plage. Später kommen noch die Belastungen der Arbeitswelt hinzu: ein cholerischer Chef, mobbende Kollegen und Überstunden ohne Ende.

 

Bei manchen Menschen ist das Fass irgendwann voll, und er oder sie wird dann krank - oft psychisch krank. Es gibt die verschiedensten Krankheitsbilder der Seele: Andauernde Überforderung und chronischer Stress kann zu einer Depression führen. Schwere seelische Erschütterung, ein ungesundes soziales Klima, verbunden mit der Ignorierung der eigenen Bedürfnisse kann den Menschen schleichend oder auch plötzlich von der Realität entrücken.

 

Mißbrauch in der Kindheit führt oft zu Störungen des Empfindens und ein zu hoher Anspruch an die eigene Person kann den Betroffenen zwischen Manie und Depression schwanken lassen. Und schließlich gibt es noch die Probleme mit Alkohol und anderen Drogen, die häufig zu einer Suchterkrankung führen.

 

Die häufigsten Krankheiten:

 

Die Depression: Depressive Menschen sind nicht nur niedergeschlagen oder traurig. Sie sind gefesselt in ihren eigenen, meist negativen, Gedanken, die sie derart lähmen, dass sie meist nur im Bett liegen und nur sehr quallvoll die alltäglichen Verrichtungen erledigen können. Dabei wünschen sie sich nichts sehnlicher, als das dieser Zustand vorüber ginge, haben aber selbst wenig Hoffnung und sehen kein Licht am Ende des dunklen Tunnels. Wie so etwas enden kann, konnte man 2009 in den Medien lesen: Der Nationaltorwart Enke nahm sich das Leben. Doch jede Depression geht wieder vorüber! Sei es durch Medikamente, ein Verringern oder Wechseln der Belastungen, durch einen Wechsel des Aufenthaltsortes, durch Sport oder sie geht einfach von selbst wieder weg. Man darf die Hoffnung nicht verlieren!

 

Die bipolare Störung: Wenn ein Mensch rastlos ohne Ende ist, ständig neue Ideen hervorsprudeln, sich rücksichtslos und verletzend verhält, vom Kaufrausch befallen ist und sich doch dabei so gesund und kräftig fühlt, dass jede kleinste Kritik ihn in Wallung bringt - dann hat er oder sie offenbar eine Manie. Die Manie erlebt der Betroffene als eine Hoch-Zeit. Noch nie habe er sich so gut gefühlt, endlich sei alle Krankheit von ihm verschwunden, aber er sieht nie das bittere Ende: die finanzielle Verschuldung, gekränkte Partner und Arbeitskollegen, vielleicht sogar zerbrochene Beziehungen und schließlich durch die Erschöpfung der Kräfte, der Rückfall in die Depression. Der Wechsel zwischen diesen beiden Extremen kann mehrmals jährlich erfolgen, ja sogar mehrmals im Monat: Dann spricht man von "Rapid Cycling". Wenn der Wechsel sogar täglich erfolgt, spricht man von einem Mischzustand. Durch sogenannte Phasenprophylaktika wie Lithium oder Lamotrigin soll dem Betroffenen dieser oft sehr belastende Wechsel zwischen den Hochs und Tiefs erspart werden. Es gibt aber auch Menschen, die genießen ihre Höhenflüge, sind voller Schaffensdrang und wollen gar nicht von Medikamenten ruhiggestellt werden, zumal wenn die depressiven Phasen für sie erträglich sind. Bei anderen Betroffenen überwiegen hingegen die depressiven Phasen und ein euphorischer Zustand ist kaum ausgeprägt.

 

Die Schizophrenie: Die Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis (so drücken sich die Mediziner aus) sind äußerst vielgestaltig, der Verlauf kann sehr variieren von Mensch zu Mensch. Oft geht der Erkrankung ein Vorstadium voraus, in dem der Betroffene sehr zurückgezogen ist und kaum sozialen Kontakt hat oder sucht. Dabei hat dieser Mensch mit schweren inneren Problemen zu kämpfen, die er jedoch mitzuteilen nicht bereit ist. Schließlich ist irgendwann ein Point-of-no-Return erreicht, in dem das Gedankenräderwerk zur Produktion von Erleuchtungen und Halluzinationen übergeht. Der Betroffene bekommt Größenideen, aber es plagen ihn auch bestimmte wirklich spürbare Symptome, die er oder sie als Beeinträchtigung von außen erlebt. Der Mensch fühlt sich dann verfolgt und überwacht, mit dem Tode bedroht. Er flieht dann womöglich Hals über Kopf aus seiner Wohnung, glaubt den Angehörigen kein Wort mehr und kann die seltsamsten Dinge anstellen, bis hin zu einem (gar nicht beabsichtigten) Suizid, der auf irgendwelchen Wahnideen beruht, z.B. " ... ich kann diesen Zug mit der Kraft meiner Gedanken stoppen!" Es ist offensichtlich, dass ein solcher Mensch Hilfe braucht. Doch wie das geschieht ist auch eine Frage der Menschenwürde. Dem Kranken müssen nicht die Arme verdreht werden, man muss ihn nicht stundenlang - ohne Fürsorge - gefesselt im Bett lassen, in dem er seine Notdurft machen muss. Man muss ihn nicht hochdosiert "herunterspritzen", ihn zum lebenden Zombie machen. Viele Beispiele zeigen, dass es auch humaner in einer medizinischen Behandlung zugehen kann. Die verantwortlichen Pflegekräfte müssen nur wollen und etwas Emphatie zeigen.

 

Die Sucht: Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren! Nur: Aus einem Glas werden zwei, aus zwei Gläsern werden zwei Flaschen und wenn man es keinen Tag mehr ohne einen Tropfen aushält, darf man sich langsam schon die Frage stellen: Bin ich süchtig? Der Alkohol ist ein großes Thema, nicht nur in der Allgemeinbevölkerung, auch die psychisch Kranken sind stark davon betroffen. Niemand hat etwas gegen eine gesellige, fröhliche Runde oder mal ein Glas Bier oder Wein am Abend. Wenn man aber nur noch aus Gewohnheit trinkt, gar aus Frust oder Langeweile, dann ist die Abhängigkeit nicht weit. Oft sind es gerade psychische Probleme, die den Menschen zum Alkohol oder zu anderen Drogen greifen lassen. Am Ende hilft nur noch ein Entzug in der Klinik und die spätere völlige Abstinenz, weil sich in Folge des Mißbrauchs das Gehirn verändert hat, so dass selbst der Gedanke an ****** den Suchtreflex auslösen kann.

 

Zusammenfassung: Die Belastungen und Kümmernisse im Leben sind vielfältig. Dem nicht genug, sind sie oft mit ein Auslöser für verschiedene Arten von psychischen Krankheiten wie z.B. der Depression oder der Schizophrenie. Eine stationäre Behandlung der Betroffenen wird oft wegen einer nicht auszuschließenden Suizidgefahr angeordnet. Meistens wird medikamentös behandelt, aber auch bestimmte Formen von Psycho- oder Ergotherapien werden angewandt, oder manchmal wirkt einfach auch der soziale Kontakt im Krankenhaus am besten für eine Gesundung. Nach der Entlassung erfolgt eine Überweisung zum ambulanten Spezialisten, der sich dann weiter (mehr oder weniger intensiv) um die Behandlung kümmert.

 

Psychische Gesundheit

Die Psyche, griechisch für "die Seele", spielt eine große Rolle in unserem Leben. Wir können traurig sein oder fröhlich, gelassen oder überdreht, wir können uns gut fühlen oder es ist uns gar nicht wohl in unserer Haut. Immer geht es dabei um unsere psychische Verfassung.

 

Man kann sich darüber streiten, wo der Sitz der Seele im Körper eigentlich ist. Früher dachte man eher ans Herz, an die Seele in der Brust. Heute, und vor allem in der Wissenschaft, tendiert man zu der Überzeugung, im Kopf, im Gehirn, säße die Seele des Menschen. Das Innere unseres Kopfes ist ein Wunderwerk der Natur. Millionen von Nervenzellen (Neuronen) verarbeiten und verknüpfen innere Informationen des Körpers und äußere, von der Umwelt kommende. Über die Sinnesorgane können wir hören und sehen, wir können riechen und schmecken, wir können fühlen und empfinden, wir können eine Situation einschätzen, uns in andere Menschen oder Tiere einfühlen.

 

Unsere Seele kann Geborgenheit spüren oder gar Angst und Panik. Dabei gibt es für bestimmte Bereiche des Gehirns unterschiedliche Aufgaben, und eine veränderte oder krankhafte Gehirnaktivität führt zu einem entsprechendem psychischen Zustandsbild beim Menschen. So ist zum Beispiel bei depressiven Menschen, die linke Gehirnhälfte überaktiv (das Denken und das Rationale), während die rechte blockiert ist. Hier kommt es darauf an, durch entsprechende Betätigung oder Übungen wieder ein Gleichgewicht herzustellen.

 

Eine Besonderheit beim Menschen ist das Denken, welches vor allem auf der (inneren) Sprache beruht. Der Mensch denkt viel und gründlich nach. Über sich, über den Chef, über die Kollegen, über die Nachbarn oder die Eltern. Manchmal denkt der Mensch einfach zu viel nach. Besondere Probleme oder Ereignisse können das Gedanken-Räderwerk im Kopf einfach nicht zur Ruhe kommen lassen. Und dann ist das Gehirn und sein Denksystem, das bei weitem noch nicht endgültig erforscht ist, ein Gefangener seiner eigenen Gedanken: Die Gedanken lassen einen nicht mehr los, man kann nicht mehr abschalten. Man wird von ihnen getrieben und getäuscht, gehetzt und verführt. Hier kann ein Beruhigungsmittel helfen. Dazu später mehr.

 

Unser Kopf und damit auch unsere Gedanken hängen aber nicht im luftleeren Raum. Sie sind untrennbar mit dem Leib, unserem Körper, verbunden. Der Körper braucht frische Luft zum Atmen, er braucht passende Kleidung, um nicht zu frieren oder zu schwitzen; er braucht Trinken und Essen. Besonders Letzteres ist sehr wichtig und wird vom Gedankenkopf sehr schnell vergessen. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen! Nach einem schönen gemütlichen und üppigen Abendmahl, vielleicht mit einem Gläschen Wein, sieht die Welt schon ganz anders aus, und die schrecklichen Gedankengespenster sind von dannen gezogen. Auch braucht der Körper, wie die Seele, seinen richtigen Rhythmus: Auf Aktivität und Anspannung sollte eine Phase der Ruhe folgen. Unterschiedliche Tätigkeiten sollten einander abwechseln, zum Beispiel auf Schreibarbeiten folgt Musik hören, oder nach der Stunde im Internet spült man das Geschirr ab. Es kommt darauf an, bei allem das richtige Maß zu finden, und zu spüren, wann es Zeit für einen Wechsel ist.

 

Der Schlaf: Gehirn und Körper können nicht ständig im Dauereinsatz sein. Schon tagsüber brauchen sie kleine Ruhepausen und erst recht in der Nacht. Der Mensch braucht im Durchschnitt 7-9 Stunden Schlaf jeden Tag. Wenn er das auf Dauer nicht bekommt, wird er körperlich krank oder sein Gehirn spielt verrückt.

 

Jeder kennt die schwere körperliche Erschöpfung nach einer Nacht ohne Schlaf. Oder die Kopfschmerzen, die einfach nicht weggehen wollen. Bei bestimmten Seelenzuständen, bei euphorischen Gedanken oder spirituellen Erkenntnissen jedoch, kann das Schlafbedürfnis stark vermindert sein. Und der Mensch bleibt bis tief in die Nacht auf, macht dies und jenes, je nach Eingebung seiner Gedanken. Aber sie spielen ein gefährliches Spiel mit dem Körper und dem Gehirn! Vielleicht schaffen sie es so ein, zwei Tage - ohne Schlaf - aber irgendwann kann das Gehirn nicht mehr: Es produziert Fehlwahrnehmungen, Sinnestäuschungen; es lässt uns Dinge sehen, die gar nicht da sind und es lässt uns Angst oder Euphorie empfinden - Ausnahmezustände der Seele, die uns die seltsamsten Dinge tun lassen und die für unser Leben sehr gefährlich werden können. Deshalb ist es sehr hilfreich, in besonderen (Not)Fällen, den Schlaf zu unterstützen: Mit Schlaftropfen, mit einer Schlaftablette, oder wenn beides nicht da ist: ein Glas Bier trinken oder ein Glas guten Weines! Wenn man schon ein Medikament verfügbar hat, ein Neuroleptikum, sollte man dieses vielleicht in einer höheren Dosis einnehmen ... aber bitte nicht zusammen mit Alkohol! Das alles wirkt beruhigend auf Körper und Gehirn und führt zu erholsamen Schlaf und zu einer Entspannung und Entkrampfung der Gedankenspiralen oder Halluzinationen.

 

Zusammenfassung: Der Körper und die Seele befinden sich in einem empfindlichen Gleichgewicht, das von vielen Seilen gehalten wird: Von frischer Luft, von passender Kleidung, von ausreichend Essen und Trinken, von angenehmer Betätigung und Sozialkontakt und von ausreichend Schlaf, der manchmal (in Notfällen) besonders unterstützt werden muss.

Berliner Manifest

Das Berliner Manifest

Das Berliner Manifest

(Artikel von Ule Mägdefrau und Julia Eder in der Zeitung „Psychosoziale Umschau“ von Januar 2020)

 

Am 10.10.2019, dem Welttag der seelischen Gesundheit, stellen Mitglieder einer trialogischen Aktionsgruppe auf dem Podium am Potsdamer Platz das „Berliner Manifest einer menschenwürdigen Psychiatrie“ vor. Zeitgleich starteten eine Website und eine Onlinepetition an den deutschen Bundestag. Auf Initiative des Psychiaters Jann E. Schlimme und der Selbstvertretungsorganisation Kellerkinder e.V. gründete sich eine Gruppe aus Angehörigen und Experten mit eigener oder beruflicher Erfahrung zu psychischen Krisen. Ziel ist es, Kritikpunkte der ambulanten und stationären Versorgung zusammenzutragen und Forderungen für eine Verbesserung zu stellen.

 

In der lebhaften Diskussion landeten wir immer wieder bei der UN-Behindertenrechtskonvention und somit bei den Menschenrechten. Die Rohfassung ging zunächst an eine Untergruppe Betroffener, deren Korrektur an die Angehörigen. Deren Überarbeitung landete wiederum bei den Profis.

 

Danach wurde in der Gesamtgruppe über die finale Fassung abgestimmt. So entstanden fünf generelle Leitideen. Ziel ist es, eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen, um so die Aufmerksamkeit der Politik zu gewinnen, aber auch konkrete Forderungen zu erarbeiten. Bisher haben neben 5000 Einzelpersonen auch 35 Organisationen, darunter zahlreiche sozialpsychiatrische Träger, Betroffenenorganisationen, aber auch Berufsverbände unsere Leitideen unterzeichnet: http://berliner-manifest.de

 

Zu kurz gesprungen

Das Berliner Manifest ist ein Papier ohne Plan,

meint Martina Heland Graef

Das Berliner Manifest ging bei mir ein, ich überflog es und dachte: Jawohl das passt, das kann man unterschreiben. Ich gestehe, dass ich nur dir fünf Punkte gelesen habe und darauf anderen Betroffenen gesagt habe:“ Ich habe es unterschrieben, wenn du willst, unterschreibe es mit.“ Dann habe ich die Autoren bei der Vorstellung ihres Berliner Manifestes gehört, am 10.10., dem Tag der seelischen Gesundheit.

 

Der erste Teil des Berliner Manifestes ist schon schräg und sehr provokant. Die Reaktionen dazu waren eindeutig. Ich habe es unterschrieben, damit die Forderungen einer gewaltfreien Psychiatrie weiter besprochen werden und nicht in Vergessenheit geraten. Die fünf Forderungen sind ja durchaus berechtigt und höchst wert, unterstützt zu werden.

 

Was ich nicht wusste ist: Dass es nur dieses Papier gibt jetzt und das war es. Ich habe mich mit einer der Autorinnen unterhalten und auf meine Nachfrage, ob es denn noch weitere Aktionen und Einladungen zu Gesprächen gäbe, sagte mir die Dame, deren Namen ich nicht kenne, nein, wir warten jetzt erst mal ab.

 

Erst mal abwarten? Auf was?

 

Was ist denn das? Auf was wollen die denn warten? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ich habe es nicht bereut, das Manifest unterschrieben zu haben, jedoch verstehe ich nicht, was das soll, nur ein einzelnes Papier zu schreiben, es zu veröffentlichen und dann abzuwarten?

 

Ich bin Betroffene und versuche, seitdem ich Betroffene bin, mit den Profis ins Gespräch zu kommen. Den Betroffenen eine Stimme zu geben, dass sich etwas ändern muss. Dass es keine Gewalt geben darf, dass wir selbstbestimmt leben wollen, dass es nötig ist, die Menschenrechte zu berücksichtigen, die UN-BRK. Ich finde es gut, im Gespräch zu bleiben, seinem Gegenüber sein Gesicht zu lassen und ihn zu respektieren, aber so ändert man nichts. Ich wünsche mir, dass die Betroffenen weiter artikulieren, was ihre Bedürfnisse sind. Ich will mit am Tisch sitzen, wenn Hilfesysteme entstehen. Dorothea Buck sagte: „Solange wir miteinander reden, bringen wir uns nicht um.“

 

Meine Intention ist, den Willen der Betroffenen an die Verantwortlichen heranzubringen und dafür zu sorgen, dass der Wille berücksichtigt wird. Eintagsfliegen helfen uns nicht. Ich bin der Meinung, dass sich sehr wohl etwas geändert hat seit der Psychiatrieenquete. Meine Forderungen sind die gleichen oder ähnlich wie die des Berliner Manifests. Aber das Berliner Manifest wirkt wie ein schnelles, nicht nachhaltig wärmendes Strohfeuer, von dem sich die Akteure wieder zurückziehen, ohne Interesse das Feuer am Laufen zu halten. Ich finde es sehr schade als Betroffene, wenn es zwar Störfeuer gibt, aber dann kein weitergehendes Interesse oder eine Aktion. Ein Löwe hat gebrüllt und das Brüllen ist verhallt. So ändert man nichts. Meine Forderungen sind z.B. lebensweltorientierte Hilfen, aufsuchende Hilfen, Mitspracherecht, keine Betreuer. Ich wünsche mir Arbeitgeber, die auch Psychiatrieerfahrenen eine Arbeit geben. Ich fordere, dass ich nicht meine Hilfe mit zehn Menschen besprechen muss. Viele Betroffene finden sich nicht in den Hilfeplänen wieder, weil ihnen keiner richtig zuhört. Es wird schon zugehört, aber mit dem Ohr der Finanzierung und dem Ohr der Krankenkassen und dem Ohr der Betreuer und noch vielen anderen Ohren. Ich benötige da Hilfe, wo ich wohne, auch wenn kilometerweit keine Ambulanz ist, dann halt im Dorf oder in der Gemeinde.

 

Das Berliner Manifest hilft, wenn es einen Plan gibt. Wenn nicht nur Schlagwörter in die Welt posaunt werden und „dann warten wir mal“ und „dann schauen wir mal, was passiert.“ Das Berliner Manifest hat gebrüllt. Ich sage jetzt: Füllt es mit Leben, brüllen alleine hilft nicht.

 

Martina Heland Graef

Gez. Martina Heland-Graef

Vorstandsmitglied Baype

Was bedeutet Open Dialogue / Offener Dialog?

Auf Deutsch: Offener Dialog. Das Konzept des Offenen Dialogs ist vor Jahren in Finnland entstanden, um den betroffenen Menschen eine bedürfnisangepasste Behandlung anbieten zu können. Das erste therapeutische Treffen - die sogenannte Therapieversammlung - findet innerhalb von 24 Stunden statt. Die Familie, andere wichtige Bezugspersonen, Fachkräfte der medizinischen Grundversorgung und die Sozialdienste werden einbezogen.

 

Es geht um einen offenen Austausch von Erfahrungen, Einschätzungen und Vorschlägen für das weitere Vorgehen. Bei Bedarf arbeitet das psychiatrische Akut-Team mit dem Netzwerk weiter. Alle Diskussionen über die Behandlung werden mit der Familie, den wichtigen Bezugspersonen und natürlich mit der Patientin und dem Patienten geführt, die Entscheidungen werden mit allen gemeinsam getroffen. Dieses Behandlungskonzept wurde in Finnland erfolgreich umgesetzt.

 

Die Genesungsrate liegt bei 85 Prozent. Die Behandlung findet mehrheitlich ohne den Einsatz von Medikamenten statt. Jaakko Seikkla: "Die Psychose ist eine Antwort auf eine sehr schwierige Lebenssituation.“ Robert Whitaker: "Pro Hunderttausend treten noch zwei Fälle von Schizophrenie auf, ein Rückgang um 90 Prozent.“

 

Weitere Infos unter:

Was ist eine Soteria?

Was ist eine Soteria? Die Psychiatrie-Erfahrenen fordern eine gewaltfreie Psychiatrie ohne Zwangsmaßnahmen und ohne Zwangsbehandlungen. Neben dem Open Dialogue ist die Soteria (altgriechisch: Wohl, Rettung) eine wünschenswerte Alternative zu den geschlossenen Abteilungen in den Bezirkskliniken Bayerns.

 

Der amerikanische Psychiater Loren Mosher realisierte die erste Soteria, die nach zwölf Jahren aufgrund der fehlenden Finanzmittel wieder geschlossen werden musste. Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi gründete im Jahr 1984 die erste Soteria in Europa, die bis heute besteht. Beim Soteria-Konzept steht die therapeutische Beziehung zum Patienten im Mittelpunkt und beinhaltet eine erhebliche Verminderung des Medikamentenbedarfs.

 

In Bayern gibt es eine Soteria nur am Klinikum München-Ost (Haar). Im benachbarten Baden-Württemberg gibt es eine Soteria im Zentrum für Psychiatrie Reichenau und an der Münsterklinik Zwiefalten. Der Landesverband fordert, dass das Soteria-Konzept in Bayern mehr Beachtung findet. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage.

 

Die Soteria-Jahrestagung 2014 der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Soteria (IAS) fand vom 24. bis 25. Oktober 2014 im Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) statt. Unsere Mitglieder Dagmar Koch, Karin Haehn und Achim Kuck haben an dieser Tagung teilgenommen. Karin Haehn berichtet: Das ZfP liegt landschaftlich traumhaft am Bodensee. Ansprechende, gepflegte Häuser, umgeben von parkähnlichem Gelände mit altem Baumbestand gaben mir ein Urlaubsgefühl. Das Haus ist stolz auf das Soteria-Behandlungskonzept. Seit Juli 2014 wird hier ein Forschungsprojekt der Universität Konstanz umgesetzt, in dem es um die Früherkennung und Frühbehandlung junger psychotischer Menschen geht. Die Rechte der Patienten werden hier und auch in den anderen Soteria-Einrichtungen in den Vordergrund gestellt.

 

Die Berliner Soteria wurde von Dr. med. Martin Voss, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, vorgestellt, die eng mit der Universität zusammenarbeitet. Ex-In-Absolventen werden in die Arbeit miteinbezogen. Inzwischen ist es auch in der Forschung angekommen, dass Antipsychotika eine Volumenminderung bei den frontalen Hirnlappen hervorrufen. Begleitetes Absetzen wird immer öfter gefordert. Dr. phil. Daniel Nischk referierte über die Sinnfindung in der Soteria Reichenau.

 

Danach gingen wir über zur Ehrung von Professor Luc Ciompi, der seinen 85. Geburtstag feiern konnte und dessen Lebenswerk gewürdigt werden sollte. Dr. med. Holger Hoffmann aus Bern übernahm diese ehrenvolle Aufgabe und hob hervor, wie wichtig das für das Gelingen der Soteria in Bern und ihre Einbindung in die Sozialtherapie war. Zentraler und wichtigster Ort in Bern ist das weiche Zimmer mit der Eins-zu-Eins-Betreuung.

 

Im Jahr 1997 wurde die Internationale Arbeitsgemeinschaft Soteria (IAS) gegründet. Seitdem arbeitet die Arbeitsgemeinschaft trialogisch. Auf den Jahrestagungen werden die Entwicklungen der entstandenen Soteria-Stationen und Soteria-Elemente vorgestellt und deren Vor- und Nachteile zusammen diskutiert. Am nächsten Morgen, nach der Geburtstagsfeier, begann die IAS-Jahrestagung 2014. Wir Psychiatrie-Erfahrenen (PE) waren zu fünft, zwei gehörten der AG-Soteria im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE e.V.) an, eine Teilnehmerin kam aus München und zwei waren Mitglieder des Berliner Netzwerk Stimmenhören e.V. Außer uns waren ca. 30 MitarbeiterInnen von Soteria-Stationen anwesend. Besonders hat sich mir der Bericht aus Heidenheim eingeprägt. Dort gibt es z.B. drei Therapie-Hunde auf der Station. Jede Zwangsmedikation ist dort nur mit vorher eingeholter richterlicher Anordnung möglich.

 

Die Genehmigung, sich Soteria zu nennen, liegt noch nicht vor. Lange wurde über den Vorschlag aus Bern verhandelt, die IAS in einen eingetragenen Verein umzuwandeln. Ich war als Einzige eindeutig dagegen, weil ich sicher bin, dass die Aufgaben durch die Vereinsgründung nicht weniger, sondern mehr werden. Der Bericht der Bonner Soteria machte deutlich, dass die Station sich noch in der Aufbauphase befindet und das Team nur dann gut arbeiten kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Nächstes Jahr wird die Soteria-Jahrestagung in der zweiten Oktoberhälfte in Zwiefalten stattfinden. Soweit aus dem Bericht von Karin Haehn, die Sie herzlich grüßt.

 

Karin Haehn, Achim Kuck, Xaver Deniffel (aus dem Rundbrief 2014)

An erster Stelle Transparenz

Dieser Artikel von Peter Lehmann behandelt die Zusammenhänge zwischen intransparenten Geldtransfers im Gesundheitswesen und der Verschreibung von Psychopharmaka. Pharmazeutische gewinnorientierte Unternehmen finanzieren unter anderem Ärztinnen und Ärzte, damit diese für bestimmte Psychopharmaka werben, geben Informationsbroschüren für Patientinnen und Patienten heraus, die mit tendenziösen Aussagen ihre eigenen Produkte empfehlen, und sind Hauptsponsoren von einigen Patientenorganisationen. Dies hat zur Folge, dass über teilweise gravierende Risiken und „Neben“-Wirkungen ihrer Psychopharmaka sowie über alternative Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichend informiert wird. Deswegen plädierte Peter Lehmann in Abstimmung mit dem Vorstand des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen (ENUSP) im Europäischen Parlament in Brüssel für volle Transparenz in Bezug auf Geldflüsse, damit alle Patientinnen und Patienten einschätzen können, ob die Informationen über die angebotenen oder bereits verabreichten Psychopharmaka vertrauenswürdig sind. Und nur wer umfangreich über Risiken, „Neben“-Wirkungen und Alternativen aufgeklärt ist, kann eine freie Entscheidung über die Einnahme dieser Substanzen oder ihre Ablehnung treffen. So jedenfalls lautet die gesetzliche Regelung.

 

 

 

An erster Stelle Transparenz

 

Für die Offenlegung von Interessenkonflikten in der Psychiatrie 

 

Peter Lehmann

 

     Am Beispiel der Position des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen (ENUSP) zeigt der Autor die Bedeutung von Transparenz und Offenlegung von Interessenkonflikten für psychiatrische PatientInnen, ihre Angehörigen und FreundInnen, ÄrztInnen und Leistungserbringer, Betroffenenorganisationen und die Öffentlichkeit.

   Am 23. Januar 2019 fand im Europäischen Parlament eine Anhörung zum Thema »Shedding Light on a transparent collaboration in healthcare: A unique overview of practices in Europe« (Die Kollaboration im Gesundheitswesen transparent machen: ein einzigartiger Überblick über Praktiken in Europa) statt. Die Initiative stammte von Mental Health Europe (MHE), einem Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen, die sich aus nichtstaatlichen und nichtkonfessionsgebunden Verbänden im psychosozialen Bereich zusammensetzt. »Shedding Light« (sinngemäß: Licht ins Dunkel bringen) ist ein Projekt von MHE, das durch die Mental Health Initiative der Open Society Foundations unterstützt wird.*

 

Shedding Light

     Das Hauptziel von »Shedding Light« ist es, das Bewusstsein für die Bedeutung von Transparenz im Bereich der Psychiatrie zu schärfen und die Verabschiedung von Transparenzgesetzen in ganz Europa zu fördern – mit anderen Worten: um psychiatrisch Tätige und die Pharmaindustrie zu zwingen, ihre verborgenen (und auf Profit ausgerichteten) Verbindungen aufzudecken:

     »MHE ist besorgt angesichts des unangemessenen Einflusses der Gesundheitsindustrie – darunter ganz besonders der  Pharmaindustrie – auf das Gesundheitswesen, da dieser erhebliche Risiken für die öffentliche Gesundheit, die Menschen, die psychiatrischen Dienste in Anspruch nehmen, und die PatientInnen mit sich bringen kann. Dieser Einfluss kann zu verändertem Verschreibungsverhalten, übermäßiger Psychopharmaka- Verschreibung, einseitigen Forschungsergebnissen und Richtlinien für die klinische Praxis, Off-Label-Verwendung (außerhalb der zugelassenen Indikation – P.L.) von Arzneimitteln und einseitigen Entscheidungen über Kostenerstattung führen.« (MHE, 2019)

Zusammen mit Dainius Pūras (UN-Sonderberichterstatter für das Recht aller auf das Erreichen der höchstmöglichen Gesundheit), der einen Vortrag über »Transparenz und das Recht auf psychische Gesundheit« hielt, und Klaus Lieb (Psychiater, Universitätsklinikum Mainz), der über das Thema »Interessenkonflikte in der medizinischen Praxis und wie sie Patienten schaden können« referierte, erklärte Peter Lehmann im Namen von ENUSP die Notwendigkeit der uneingeschränkten Verwirklichung der Menschenrechte und angemessener Unterstützung von Menschen mit psychiatrischen Problemen und dem richtigen Ansatz zur Gewährleistung einer größeren Transparenz der Zusammenarbeit zwischen der Gesundheitsindustrie, der im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen.

     ENUSP ist mit 32 Mitgliedsorganisationen und 42 Einzelmitgliedern in 26 Ländern der einzige unabhängige Verband auf europäischer Ebene, der sich ausschließlich aus Psychiatriebetroffenen zusammensetzt und diese direkt vertritt.

Für diese Anhörung und basierend auf der vorliegenden Recherche von MHE (Rodzinka u.a., 2019) verfasste der ENUSP-Vorstand eine kurze Erklärung mit dem Titel »Why transparency in healthcare matters to users and patients« (Warum Transparenz im Gesundheitswesen für NutzerInnen und PatientInnen von Bedeutung ist) über die Pflichten von Beschäftigten im psychosozialen Bereich, mögliche Interessenskonflikte und Transfers von Geldwerten zwischen der Gesundheitsindustrie, der im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen offenzulegen (ENUSP, 2019).

 

Transparenz in der Arbeit von Organisationen 

     Wie der ENUSP-Vorstand erklärte, akzeptiert ENUSP keinerlei Geldzuwendungen seitens der Pharmaindustrie. Andere Organisationen gehen möglicherweise anders mit solchen Zuwendungen um, wurden jedoch – wie ENUSP – aufgefordert, das Positionspapier der European Public Health Alliance (Europäische Allianz für öffentliche Gesundheit) zur Unabhängigkeit von Patientenorganisationen zu unterstützen (EPHA, 2001). Nach dieser Position sollten alle Organisationen, die Gelder der Pharmaindustrie annehmen, mindestens eine Obergrenze für den Anteil des Industrie-Sponsorings an ihren Gesamteinnahmen festlegen. Sie sollten auch in ihren Statuten die Rolle von Sponsoren bei geförderten Projekten und ihrer gesamten Organisation eindeutig formulieren.

 

Uneingeschränkte Umsetzung der Menschenrechte und angemessene Unterstützung für Menschen mit psychiatrischen Problemen

     Hauptziel von ENUSP ist es, die Grundinteressen Psychiatriebetroffener durchzusetzen: Menschenrechte, und zwar vollständig, insbesondere das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, das Recht auf angemessene und wirksame Unterstützung bei psychischen Problemen, seien diese sozialer, psychosozialer oder gar körperlicher Natur, sowie das Recht auf die bestmögliche medizinische Behandlung bei psychischen Problemen körperlicher Natur. All diese Unterstützungen sollten auf dem Hippokratischen Eid (Nil nocere – Vor allem keinen Schaden anrichten) beruhen, die bürgerlichen Rechten bei der Behandlung und Rehabilitation wahren, Rechte schützen, wie sie auch bei PatientInnen der Körpermedizin gewährt werden, und eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

     Auf der Tagung »Ausgewogene Förderung von psychischer Gesundheit und psychiatrischer Pflege«, veranstaltet von der WHO und der Europäischen Kommission 1999 in Brüssel, wurden unter anderem folgende gemeinsame Ziele und Strategien zur Verbesserung des psychosozialen Bereichs definiert:

  • die aktive Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen in die Psychiatriepolitik

  • die Förderung von Selbsthilfeansätzen und nicht-stigmatisierenden, d.h. nicht-psychiatrischen

    Ansätzen und

  • vor allem die Freiheit zur Auswahl aus Behandlungsangeboten zur Stärkung der

    Menschenrechte (»Conclusions«, 1999).

Bisher gab es von den meisten im Gesundheitsbereich Tätigen sowie ihren Organisationen nicht viel Unterstützung, um diese Ziele zur Förderung der psychischen Gesundheit zu erreichen, und es gab auch keine Unterstützung von Seiten der Gesundheitsindustrie. Tatsächlich hat diese die Entwicklung nichtmedizinischer Ansätze verhindert, indem sie den Mythos eines chemischen Ungleichgewichts als Hauptursache für Depressionen und Psychosen propagierten und unterstützten (Whitaker, 2010). Pūras erklärte dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen:

     »Das reduktionistische biomedizinische Modell dominiert mit Unterstützung der Psychiatrie und der Pharmaindustrie die klinische Praxis, die Politik, Forschungsagenden, die medizinische Ausbildung und Investitionen in die psychische Gesundheit auf der ganzen Welt. Die Mehrheit der Investitionen in die psychische Gesundheit in Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen finanziert überproportional Dienstleistungen, die auf dem biomedizinischen Modell der Psychiatrie basieren. Es gibt auch eine Tendenz zur Erstbehandlung mit Psychopharmaka, die zunehmend in Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen auf der ganzen Welt eingesetzt werden. Uns wurde der Mythos verkauft, dass Medikamente und andere biomedizinische Interventionen die besten Lösungen zur Bewältigung psychischer Gesundheitsprobleme sind.« (United Nations, 2017, S. 5f.)

Die Gesundheitsbranche unterstützte und/oder unterstützt nicht nur die psychiatrischen Mainstream- Gesundheitsorganisationen auf unterschiedliche Weise, sondern auch Familienorganisationen wie die Europäische Vereinigung von Verbänden von Angehörigen psychisch Erkrankter (EUFAMI), »Patienten«-Organisationen wie die Global Alliance of Mental Illness Advocacy Networks (GAMIAN-Europe) sowie Verlage und JournalistInnen, die allesamt umfangreich bedacht werden – vor allem zur Werbung für neue, patentgeschützte und teure Medikamente. Meistens geschieht dies auf intransparente Weise. Ein Mangel an Transparenz besteht auch sehr häufig in der Lobbyarbeit mit ParlamentarierInnen auf internationaler und nationaler Ebene.

     GAMIAN-Europe beispielsweise nennt die Finanzierung von der Pharmaindustrie als seine Haupteinnahmequelle. Im sogenannten Transparenzregister der Europäischen Union erscheint sie in der Rubrik »sonstige Quellen« (EU, 2009). Gleiches gilt zunehmend für den Finanzbericht auf seiner Website. Im Juni 2018 wurden Informationen öffentlich (die heute leider nicht mehr auf der Website von GAMIAN-Europe verfügbar sind), wonach der Verband in den Jahren 2016 bis 2017 152.762,07 € von Janssen, Lundbeck, Otsuka, Pfizer und Shire erhalten hat, was 70% seines Einkommens entspricht. Im heute online verfügbaren Finanzbericht 2017-2018 stieg das gesamte industrieabhängige Einkommen auf 158.388,93 € (72% des Gesamteinkommens). Die Identität der Pharmafirmen wird jedoch nicht mehr erwähnt, sondern lediglich, dass der vollständige Finanzbericht beim Handelsgericht in Brüssel erhältlich ist (GAMIAN-Europe, undatiert). Die Situation von EUFAMI ist ähnlich. Auch hier ist beim Herkunftsort ihres Einkommens von »sonstigen Quellen« die Rede. Mehr findet man in diesem Fall auf ihrer Internetseite. Dort erfährt man, dass Janssen, Lunbeck, und Otsuka zur Finanzierung beitragen (EUFAMI, 2017, S. 22). Beide Beispiele dokumentieren die Unzulänglichkeit bestehender Transparenzregister und »Selbstregulierungssysteme«.

     MitarbeiterInnen im Gesundheitsbereich werden durch die Gesundheitsindustrie unterstützt, um die Entwicklung neuer Diagnosen für DSM und ICD oder Richtlinien in Kommissionen zu beeinflussen oder damit sie ihre Namen als AutorInnen und ForscherInnen bei Vorträgen, Artikeln oder Büchern angeben, um so schließlich den Umsatz ihrer Psychopharmaka zu fördern. Solche Vorträge sind oft auch Teil der berufsbegleitenden Fortbildung von ÄrztInnen, und meistens werden bei derartigen Events besonders teure Substanzen und hohe Dosierungen empfohlen. Andere Transfers von Geldwerten treten auch bei der Teilnahme von MedizinerInnen an sogenannten Phase-IV-Studien auf, bei denen Geld für die Einbeziehung von bestimmten PatientInnen gezahlt wird. (Phase-IV-Studien mit einer größeren Zahl von Betroffenen dienen der Risiko-Nutzen-Abschätzung nach der Zulassung von Medikamenten. –P.L.) Sogar eine direkte Beteiligung am Arzneimittelverkauf kann stattfinden. Im Allgemeinen erfolgen all diese Transfers von Geldwerten auf undurchsichtige Weise. Die Geldsummen und Verträge über diese Transfers von Geldwerten und ihre Zwecke bleiben verborgen. Die Gesundheitsindustrie transferiert auch Geldwerte für Psychoedukation. Professionell Tätige verwenden diese Materialien insbesondere bei der Verabreichung von Neuroleptika. Sie erzählen beispielsweise, dass die unerwünschten Wirkungen sogenannter atypischer Neuroleptika im Vergleich zu herkömmlichen Neuroleptika mild seien (Lehmann, 2013). PsychiaterInnen wie Gerhard Ebner, Präsident der Schweizerischen Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte und Mitglied des Advisory Board bei Janssen Cilag zur Einführung des Risperdal Consta, stellten allerdings eindeutig klar, dass neuere Neuroleptika nicht weniger unerwünschte Wirkungen haben als herkömmliche. In Bezug auf »atypische« Neuroleptika sagte er:

     »Es handelt sich nicht um weniger Nebenwirkungen, sondern um andere, die aber ebenfalls sehr einschneidend sein können, auch wenn sie von den Patienten nicht unmittelbar wahrgenommen werden, weswegen die Patienten leichter zur Einnahme dieser Antipsychotika motiviert werden können, da die quälenden Frühdyskinesien / extrapyramidalen Nebenwirkungen nicht oder nicht so stark auftreten.« (Ebner, 2003, S. 30)

Es gibt viel Literatur über all die InfluencerInnen (einflussnehmenden Personen) der Gesundheitsindustrie. Die Wirksamkeit von Psychopharmaka wird systematisch überschätzt und der Schaden systematisch unterschätzt (Hengartner, 2017). Einige AutorInnen sprechen sogar von Manipulation und Korruption (siehe z.B.: Angell, 2005; Perlis u.a., 2005; Law, 2007; Weiss, 2008; Olsen, 2009; Fromm & Rickelmann, 2010; Cosgrove & Krimsky, 2012; Virapen, 2012; Gøtzsche, 2016, 2019; Sheller u.a., 2018; Ansari & Ansari, 2019). Einige AutorInnen kommen zum Schluss, dass Transparenz allein das Problem der Manipulation nicht lösen würde. Sie schlagen vor, dass diejenigen Mitglieder in Ausschüssen, Gremien und anderen Kommissionen, die über Richtlinien, Überarbeitungen von Diagnosen usw. entscheiden, frei von Interessenkonflikten sein sollten (Cosgrove u.a., 2014). Giovanni Fava vom Institut für Psychologie der Universität Bologna erklärte:

      »Das Thema Interessenkonflikte hat die klinische Medizin in eine beispiellose Glaubwürdigkeitskrise gebracht. Die Situation in der Psychiatrie scheint sich nicht von anderen Bereichen der Medizin zu unterscheiden.« (2007, S. 19)

Es ist selbstverständlich, dass keine medizinische Behandlung risikofrei ist. Aber gemäß gesetzlichen Regelungen und der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen haben PatientInnen das Recht und die Verantwortung, über ihre Behandlung zu entscheiden, nachdem sie umfassende Informationen über Risiken, potenzielle Schäden und Alternativen erhalten haben. Deshalb ist volle Transparenz erforderlich. Als Beispiel dafür, wie Informationen aussehen können, wenn sie frei vom Einfluss von Pharmaunternehmen entwickelt werden, ist das innovative und erfolgreiche Projekt im Bundesland Rheinland-Pfalz zu neuen, industrieunabhängigen Aufklärungsbögen zu Antidepressiva und Neuroleptika zu erwähnen. In Deutschland, wo es keine Vorschriften zur Offenlegung von Interessenkonflikten gibt, wurden Informationsbroschüren zu Psychopharmaka für PatientInnen bisher immer von der Pharmaindustrie bereitgestellt oder gesponsert und waren deshalb in jeder Hinsicht tendenziös. Die neuen Informationsbroschüren beinthalten jetzt Risiken und Schäden sowie Alternativen, die derzeit auch in normalen psychiatrischen Stationen verfügbar sind. Absetz- und Entzugsprobleme und kritische Informationsquellen werden ebenfalls erwähnt. Das Land Rheinland-Pfalz hat dieses Projekt finanziell unterstützt (NetzG-RLP, 2018a, 2018b). Die Gesundheitsindustrie und im Gesundheitssystem Tätige waren nicht in der Lage gewesen, ausgewogene Informationsblätter zu ihren Produkten zu liefern.

     Interessen von Pharmafirmen sind in erster Linie Interessen ihrer AktionärInnen. Wenn ManagerInnen von Pharmafirmen in erster Linie im Interesse von PatientInnen handeln würden, würden sie wahrscheinlich früher oder später ihren Arbeitsplatz verlieren. Würde die Entwicklung von Alternativen zur Psychiatrie unterstützt werden, bei denen der Schwerpunkt nicht auf Psychopharmakologie liegt, könnten Verkaufsraten und Aktienwerte sinken. Bisher war noch kein Unternehmen bereit, ein solches Risiko einzugehen.

 

Notwendigkeit uneingeschränkter Transparenz

     Innerhalb von ENUSP ist die Bewertung der Verabreichung und Einnahme von Produkten der Pharmaindustrie ein kontroverses Thema, Menschen unterscheiden sich. Einige sind aufgrund ihres Wissens über die Wirkungen von Psychopharmaka oder früherer Erfahrungen entschieden gegen deren Einnahme, andere wiederum finden sie gelegentlich hilfreich. In beiden Fällen fordert man einen einfachen Zugang zu einer finanziellen Entschädigung, wenn die Gesundheit durch Produkte der Pharmaindustrie geschädigt wird. Gefordert wird auch ein Recht auf Unterstützung, auch wenn man sich weigert, Psychopharmaka einzunehmen, und angemessene, alternative nichtpsychiatrische Hilfen (Lehmann, 1997).

Ein wichtiges Thema für ENUSP ist die herabgesetzte Lebenserwartung von Personen, die schwerwiegende psychiatrische Diagnosen (wie »Schizophrenie«, »bipolare Störung«, »schwere Depression« und »Persönlichkeitsstörung«) erhalten haben. Insbesondere Menschen, die als »schizophren« diagnostiziert (und entsprechend behandelt) wurden, riskieren in Europa, durchschnittlich 22 Jahre früher zu sterben als die Allgemeinbevölkerung.

Es besteht ein großes Risiko für die öffentliche Gesundheit, wenn in großem Umfang Psychopharmaka verabreicht werden, deren sogenannte Nebenwirkungen häufig kaschiert oder heruntergespielt werden. Laut der Europäischen Kommission sind unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka nach unangemessenen Verschreibungen die Haupttodesursache. Aber eine noch größere Rolle spielen Verschreibungen auf der Grundlage von Diagnosehandbüchern und in Einklang mit Veröffentlichungen in der medizinischen Literatur.

     Unerwünschte Wirkungen können diagnose- und dosisunabhängig auftreten. Neuroleptika können beispielsweise selbst in »therapeutischen« Dosen, in niedrigen Dosen und nach kurzfristiger V erabreichung V eränderungen der Hirnstruktur und der Lebermitochondrien (spezieller Leberzellstrukturen) hervorrufen. Gleiches gilt für Muskelkrämpfe, parkinsonoide Störungen, tardive Dyskinesie (Symptomenkomplex aus chronischen Muskelstörungen), Hyperthermie (Überwärmung des Organismus bei normaler bis erniedrigter Körpertemperatur), Störungen des Hormonsystems der Bauchspeicheldrüse, erhöhtem und mit sexuellen Störungen und Geschwulstbildungen in den Brustdrüsen einhergehendem Prolaktinspiegel (Konzentration des Hormons Prolaktin im Blut), Agranulozytose (weitgehendes oder komplettes Absterben weißer Blutkörperchen im Blut), Herzrasen, Kreislaufinsuffizienz, systemische allergische Reaktionen und Depression mit Suizidalität (siehe Lehmann, 2019a).

Um die Angelegenheit noch zu verkomplizieren, ist es immer noch nicht möglich vorherzusagen, wie ein pharmazeutisches Mittel bei einzelnen PatientInnen wirken wird. Bereits 1964 gestand Heinrich Kranz, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie,

     »... dass es auch bei therapeutisch sicher einwandfreien, ja sogar bei geringen Dosierungen aufgrund uns noch weithin unbekannter individueller Dispositionen oder irgendwelcher komplizierender Faktoren, die wir kaum überschauen können, zu solchen belastenden Begleitwirkungen, ja vielleicht sogar zu letalen (tödlichen) Ausgängen kommen kann.« (S. 201)

In seinem 2012 erschienenen Newsletter Choices in Recovery kommentierte die Firma Janssen Pharmaceuticals, Inc. die erhöhte Sterblichkeitsrate bei psychiatrischen PatientInnen und räumte ein:

     »Forschung hat gezeigt, dass die Lebenserwartung von Menschen mit schweren psychischen Leiden um durchschnittlich 25 Jahre geringer ist als die der Durchschnittsbevölkerung. Herz- und Atemwegserkrankungen, Diabetes und Infektionen (...) sind die häufigsten Todesursachen in dieser Bevölkerungsgruppe.«

Jedoch – und vielleicht verständlicherweise – konnte das Unternehmen keinen Zusammenhang mit den von ihm hergestellten und verkauften Psychopharmaka feststellen; dabei sind Herzkrankheiten, Diabetes, Atemwegserkrankungen und Infektionen aufgrund eines geschwächten Immunsystems wohlbekannte unerwünschte und sehr oft auftretende Wirkungen ihrer Psychopharmaka.

     Zahlreiche andere Untersuchungen haben einen klaren Zusammenhang zwischen Psychopharmaka (insbesondere Neuroleptika) und einer verringerten Lebenserwartung gezeigt (siehe beispielsweise Newman u.a., 1991; Ösby u.a., 2000; Colton & Manderscheid, 2006; Manderscheid, 2006, 2009; Weinmann u.a., 2009; Aderhold, 2010; Chang u.a., 2011; Laursen u.a., 2012; Tenback u.a., 2012; Ringen u.a., 2014; Walker u.a., 2015). Einige ForscherInnen mit Verbindungen zur pharmazeutischen Industrie wie Jari Tiihonen von der Abteilung für forensische Psychiatrie an der Universität von Ostfinnland in Kuopio und Kollegen haben solche Verbindungen jedoch eher bestritten. Sie meinten, dass

     »... man bei PatientInnen mit einer oder mehrerer Verschreibungen für ein antipsychotisches Medikament ein reziprokes  (umgekehrt proportionales) Verhältnis zwischen Sterblichkeit und zunehmender Dauer der Anwendung beobachtete.« (2009, S. 620)

In einer Erklärung zu Interessenkonflikten zwei Jahre später musste Tiihonen Folgendes eingestehen:

     »Dr. Tiihonen war Berater von Lundbeck, Organon, Janssen-Cilag, Eli Lilly, AstraZeneca, Hoffmann-La Roche und Bristol-Myers Squibb und erhielt Honorare von Bristol-Myers Squibb und GlaxoSmithKline für Gutachten sowie Vortragsgelder von Janssen-Cilag, Bristol-MyersSquibb, Eli Lilly, Pfizer, Lundbeck, GlaxoSmithKline und AstraZeneca.« (Tiihonen u.a., 2011, S. 608)

Vergleichbare Aussagen stammen von Hans-Jürgen Möller, Vorsitzender der Psychiatrischen Universitätsklinik München und damals auch Vorsitzender der Sektion Pharmakopsychiatrie der World Psychiatric Association, sowie von Harold Sackeim, ehemaliger Leiter der Abteilung für biologische Psychiatrie am New York State Psychiatric Institute in New York City. Obwohl die Frage, ob es eine Abhängigkeit von Neuroleptika gibt, höchst umstritten ist und einige hochrangige PsychiaterInnen wie der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie undNeurologie, Rudolf Degkwitz, seit den 1960er Jahren von einem erheblichen Abhängigkeitsrisiko sprechen (vgl. Lehmann, 2018; Kaufmann & Lehmann, 2019), behauptete Möller:

     »Im Vergleich zu den Benzodiazepinen haben die Neuroleptika den großen Vorteil, dass sie nicht zur Abhängigkeit führen. Genau das Problem, das die zu breite Anwendung der Benzodiazepine so fragwürdig macht, tritt also gar nicht auf.« (S. 386)

Fast ein Vierteljahrhundert später legte er in einer Erklärung zu Interessenkonflikten offen, dass er von AstraZeneca, Bristol-Myers Squibb, Eisai, Eli Lilly, GlaxoSmithKline, Janssen Cilag, Lundbeck, Merck, Novartis, Organon, Pfizer, Sanofi-Aventis, Sepracor, Servier und Wyeth Forschungsgelder erhielt oder Beiratsmitglied ist bzw. war oder Honorare für Vorträge erhalten hat (Möller, 2009).

     Sackeim befindet sich in einer ähnlichen Situation. Er behauptete, dass Elektroschocks eine generelle lebensverlängernde Wirkung hätten- Damit steht er im Gegensatz zu etlichen psychiatrischen Veröffentlichungen über gefährliche Elektroschockwirkungen wie zum Beispiel Hirnblutungen, Status epilepticus, Flüssigkeitsansammlung in der Lunge und Atemstillstand, Verfünffachung der Suizidrate in der Woche nach dem Elektroschock, lebensbedrohliche Herzrhythmus- und Blutdruckstörungen, Lungenentzündung durch Ansaugung von Fremdstoffen in die Lunge, Komplikationen der Lungenfunktion (z.B. Asthmaanfälle) oder Embolien (vgl. Lehmann, 2017, S. 125-151; Lehmann, 2019b; Heim u.a., 2019). Der Mann behauptete:

     »Mehrere Langzeitnachfolgestudien legen nahe, dass PatientInnen, die EKT (Elektrokrampf-»Therapie«) erhalten, im Vergleich zu KontrollpatientInnen ohne EKT eine verringerte Sterblichkeit jedweder Ursache haben.« (2017, S. 779)

In der Offenlegung seiner Interessenkonflikte musste er dann einräumen:

     »Dr. Sackeim war als Berater tätig für LivaNova (Vagusnervenstimulation), MECTA Corporation (Elektrokonvulsionstherapie) und Neuronetics (transkranielle Magnetstimulation). In der Vergangenheit beriet er auch die Hirnstimulationsunternehmen Brainsway, Cyberonics, Cervel Neurotech/NeoStim, Magstim, NeoSync und NeuroPace sowie die Pharmaunternehmen Cambridge Neuroscience, Eli Lilly & Co., Forest Laboratories, Hoffmann-La Roche, Interneuron Pharmaceuticals, Novartis International, Pfizer, Warner-Lambert und Wyeth-Ayerst oder erhielt Forschungsunterstützung von ihnen.« (ebd., S. 780)

In Kenntnis der Transfers von Geldwerten zwischen der Gesundheitsindustrie und Dr. Tiihonen oder Dr. Sackeim, die jeweils behaupteten, es bestehe ein positiver Zusammenhang zwischen Polypharmazie (gleichzeitiger und andauernder Einnahme mehrerer Wirkstoffe) und der Dosis von Neuroleptika bzw. Elektroschocks und einer verlängerten Lebenserwartung, kann man sich eine unabhängige Meinung über die Glaubwürdigkeit solcher etwas überraschender Aussagen bilden.

     Selbst wenn es der Wahrheit entspräche, dass eine verringerte Lebenserwartung nichts mit den unerwünschten und häufig toxischen Wirkungen von Psychopharmaka zu tun hat, sollten PatientInnen uneingeschränkten Zugang zu allen Informationen über mögliche unerwünschte Wirkungen haben. Wie von Marina Langfeldt (2017), einer ehemaligen Oberstaatsanwältin in Zweibrücken (und seit 2021 Mitglied im UN-Subkomitee zur Prävention von Folter und anderen grausamen, unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlungen), in Bezug auf die enormen Risiken und Schäden insbesondere neuerer Antidepressiva und Neuroleptika gefordert (Lehmann, 2017), sollten diese Informationen nicht nur in der Schweiz, wie dies heutzutage der Fall ist, uneingeschränkt für alle PatientInnen bereitgestelltwerden, sondern auch in den EU-Mitgliedstaaten. Um Risiken von Psychopharmaka beurteilen zu können, sollten PatientInnen und ihre Vertrauenspersonen auf allen Ebenen uneingeschränkten Zugang zu Ergebnissen von Studien und Berichten über schädliche Wirkungen haben, auch wenn diese nicht veröffentlicht wurden (Hengartner, 2019). Der Zugang zu Informationsblättern über Risiken und Schäden von Psychopharmaka und Elektroschocks sowie zu Alternativen zu diesen Maßnahmen sollte auch PatientInnen mit intellektuellen Einschränkungen oder Behinderungen möglich sein. Gleiches gilt für Personen aus dem Ausland, wie dies das erwähnte Pilotprojekt zur Bereitstellung von Informationen zu Neuroleptika (NetzG-RLP, 2018c) und Antidepressiva (NetzG-RLP, 2018d) in Rheinland-Pfalz ermöglicht.

     In einem modernen Europa erwartet man diese Informationen in den Kliniken aller Länder in mehreren Fremdsprachen (NetzG-RLP, 2018e). Um die Unabhängigkeit von im Gesundheitsbereich Tätigen einschätzen zu können, sollten alle Menschen in der Lage sein, sämtliche Informationen über die Transfers von Geldwerten zwischen der Gesundheitsindustrie und im Gesundheitsbereich Tätigen zu erhalten. Gleiches gilt für Gesundheits- und Patientenorganisationen. Es gibt Organisationen, die sich »Patientenorganisationen« nennen, aber von der Pharmaindustrie gegründet wurden, von ihr umfangreiche Finanzmittel erhalten und von der Europäischen Kommission als Berater akzeptiert werden. Gleiches gilt für Angehörigen-Organisationen (siehe Lehmann, 1996, 2009, 2010; Keller, 2005a, 2005b).

     Transparenz würde es allen Beteiligten ermöglichen, eine unabhängige Meinung zu Aussagen von im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen zu bilden, sobald Informationen über die Transfers von Geldwerten zwischen ihnen und der Gesundheitsindustrie verfügbar sind. Dies würde die Chancen auf Entschädigung von Personen erhöhen, die durch Produkte der Gesundheitsindustrie geschädigt wurden. Im Falle eines tödlichen Behandlungsergebnisses bestünde eine bessere Chance auf eine Entschädigung der Hinterbliebenen. Monitoring- und Vorbeugesysteme könnten verbessert werden, würde Transparenz durchgesetzt.

 

Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem?

     Die Forderung nach vollständiger Transparenz auf allen Ebenen ist kein Produkt von Ignoranz, Misstrauen, Paranoia, Geisteskrankheit oder Verschwörungstheorie, sondern basiert auf den oben erwähnten Erfahrungen mit Intransparenz und Manipulation. Deren Ergebnis ist oft alles andere als die bestmögliche psychische Gesundheit. Eines von vielen Beispielen sind die Tausenden von Fällen von chronischem Diabetes, die auftraten, nachdem die Arzneimittelfirma Eli Lilly ihr Wissen über Diabetes als eine unerwünschte Wirkung ihres Psychopharmakons Olanzapin (im Handel auch als Aedon, Olanpax, Zalasta, Zypadhera und Zyprexa) nicht offengelegt hatte. Aufgrund der intransparenten Informationen über dieses Risiko und diesen Schaden, von denen viele PatientInnen betroffen waren, zahlte das Pharmaunternehmen 2005 in den USA schließlich 690 Millionen US- Dollar, um Ansprüche von PatientInnen, die Zyprexa erhalten und chronischen Diabetes entwickelt hatten (Associated Press, 2005; PsychRights, 2006) zu befrieden und ein Gerichtsurteil zu vermeiden. Hier in Europa sind Sammelklagen sehr selten und im Bereich der Gesundheitsversorgung meist nicht zulässig, was es VerbraucherInnen erschwert, geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

     Die Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen, die gute Forschung betreiben und gute Produkte herstellen, dürfte grundsätzlich kein Problem sein. Dies gilt auch für die im Gesundheitsbereich Tätigen und ihre Organisationen einschließlich Patientenverbänden und Organisationen von Psychiatriebetroffenen. Um Psychiatriebetroffenen in alle Aspekte von Psychopharmakafragen – insbesondere in deren Registrierung und Überwachung – wirksam einzubeziehen, müssen sie in Ethik- und Zulassungskommissionen, die Entwicklung von Richtlinien und in Entscheidungen über die Wirksamkeit und Kostenerstattung von Behandlungsmitteln einbezogen werden. Wo solche Bedingungen nicht erfüllt sind, ist unabhängige und betroffenenkontrollierte Forschung nötig, um eine industrieunabhängige und betroffenenkontrollierte Aufklärung über die Wirkungen von Psychopharmaka und einschlägige Trainingsprogramme zu entwickeln (Lehmann, 2005).

     Es sollte selbstverständlich sein, dass die Gesundheitsindustrie für ihre Produkte bezahlt wird. Andererseits kann Intransparenz, die zu falschen Informationen der Öffentlichkeit, von im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen führt, katastrophale Folgen haben, insbesondere für die am stärksten gefährdeten Beteiligten: die PatientInnen und hier insbesondere psychiatrische PatientInnen. Sie erleiden Schäden und sie können sogar langfristig ihre Gesundheit oder gar ihr Leben verlieren. Und sie werden ihr Vertrauen in im Gesundheitsbereich Tätige und ihre Organisationen verlieren. Infolgedessen verweigern sie medizinische Untersuchungen und Behandlungen, selbst wenn diese notwendig und möglicherweise lebensrettend sind. Im Gesundheitsbereich Tätige werden ihre Glaubwürdigkeit verlieren, und schließlich werden auch die Pharmaunternehmen ihre Glaubwürdigkeit verlieren, was bereits zunehmend der Fall ist und nicht in ihrem Interesse liegen sollte. Am Ende wird die Öffentlichkeit schon deshalb misstrauisch sein, weil der Verdacht eines Interessenkonflikts besteht. Dies wäre das Ergebnis, wenn die Transfers von Geldwerten so intransparent blieben wie sie jetzt sind.

     Für aufgeklärte und selbstbewusste BürgerInnen des 21. Jahrhunderts sollte Transparenz auf allen Ebenen des Lebens eine Selbstverständlichkeit sein, insbesondere für PatientInnen, ob im Bereich der Körpermedizin oder der Psychiatrie. Die Gesundheitsindustrie ließ sieben Jahrzehnte verstreichen, ohne dass sie Regeln für eine Selbstverpflichtung entwickelt hätte. Dies macht nun strenge Vorschriften notwendig.

 

Der richtige Ansatz zur Gewährleistung einer größeren Transparenz

     Als Konsequenz des bisher Gesagten kann der Anspruch auf eine größere Transparenz der Zusammenarbeit zwischen der Gesundheitsindustrie, der im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen nicht genug betont werden. Selbst wenn man den Ländern erlauben würde, ihre eigenen Vorschriften zu entwickeln, wäre eine europäische Regelung für größtmögliche Transparenz ein ermutigendes Signal für alle politischen Parteien, im Gesundheitsbereich Tätigen und ihre Organisationen, in ihren Ländern und Organisationen wirksame Vorschriften zu entwickeln. Die EU- Kommission und andere EU-Behörden könnten einen Starttermin festlegen und die Finanzierung von im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen verweigern, bei denen ein Interessenkonflikt sichtbar wurde, zumindest solange sie keine Richtlinien für schwerwiegende Interessenkonflikte verabschieden und umsetzen und die Transparenzrichtlinien stärken.

     2009 veröffentlichte das US-amerikanische, mittlerweile in National Academy of Medicine umbenannte Institut für Medizin (IOM), eine gemeinnützige nichtstaatliche Organisation, Empfehlungen zu Interessenkonflikten in der Medizin. Diese Empfehlungen decken viele Aspekte der medizinischen Forschung, Ausbildung und Praxis sowie individuelle und institutionelle finanzielle Beziehungen ab. Viele ihrer Vorschläge, die von Robert Steinbrook (2009), dem nationalen Korrespondenten des New England Journal of Medicine, veröffentlicht wurden, wurden von ENUSP wörtlich in ihre Empfehlungen aufgenommen. (Die direkt zitierten Passagen sind nicht speziell gekennzeichnet.) Die folgende Liste basiert auf Steinbrooks Überblick über IOM-Empfehlungen zu Interessenkonflikten in der Medizin, wurde jedoch von mir durch einige Vorschläge und durch die Position der European Public Health Alliance zur Unabhängigkeit von Patientenorganisationen aus dem Jahr 2001 ergänzt:

  • Institutionen, die sich mit medizinischer Forschung und Ausbildung, klinischer Versorgung und der Entwicklung von Richtlinien für die klinische Praxis befassen, sollten Richtlinien zu Interessenkonflikten verabschieden und umsetzen und Transparenzrichtlinien stärken. Sie und andere interessierte Organisationen (wie Zulassungsstellen, Krankenversicherer, Patientengruppen einschließlich Psychiatriebetroffene, Medizinverlage, MedizinjournalistInnen und Regierungsbehörden) sollten den Inhalt, die Profile und die Verfahren für die Offenlegung finanzieller Beziehungen mit der pharmazeutischen und Elektroschockindustrie standardisieren. Alle Organisationen, die Gelder aus der Pharma- und Elektroschockindustrie akzeptieren, sollten eine Obergrenze für den Anteil des Industrie-Sponsorings an ihrem Gesamteinkommen festlegen. Sie sollten auch die Rolle des Sponsoringaufkommens in Bezug auf gesponserte Projekte und die Organisation als Ganzes in ihren Statuten klar formulieren.

  • Parlamente sollten nationale Programme erstellen, nach denen Pharma-, Medizinprodukte- und Biotechnologieunternehmen und ihre Stiftungen Zahlungen an im Gesundheitsbereich Tätige und andere verschreibende ÄrztInnen öffentlich melden müssen. Dies sollte auch gelten für biomedizinische ForscherInnen, Gesundheitseinrichtungen, Fachgesellschaften, Patientenvertretungen und krankheitsspezifische Gruppen, Anbieter medizinischer Ausbildung sowie von diesen Einrichtungen gegründete Stiftungen, medizinische Verlage und MedizinjournalistInnen. Bis Parlamente handeln, sollten Unternehmen diese Meldungen freiwillig übernehmen.

  • Akademische medizinische Zentren, Forschungseinrichtungen und medizinische ForscherInnen sollten die Teilnahme von ForscherInnen mit Interessenkonflikten an der Forschung am Menschen einschränken. Ausnahmen sollten öffentlich gemacht werden und nur dann geschehen, wenn ein Ausschuss zu Interessenkonflikten feststellt, dass die Teilnahme einer betreffenden Person von wesentlicher Bedeutung ist für die Durchführung der Forschung und wenn es einen wirksamen Mechanismus zur Bewältigung des Interessenkonflikts und zum Schutz der Integrität der Forschung gibt. In dem Ausschuss sollten VertreterInnen von Patientenorganisationen mitwirken, die keine Interessenkonflikte haben in Bezug auf die Aktivitäten der Forschungseinrichtung.

  • Akademische medizinische Zentren, Lehrkrankenhäuser, Fakultätsmitglieder, StudentInnen, AssistenzärztInnen und StipendiatInnen sollten die Beziehungen zur Industrie in der medizinischen Ausbildung reformieren. Diese Institutionen und Fachgesellschaften sollten Informationen zu Interessenkonflikten anbieten.

  • Organisationen, die das Genehmigungsverfahren für die fortlaufende medizinische Fortbildung erstellt haben, und andere interessierte Gruppen sollten das Finanzierungssystem so reformieren, dass die Industrie keinen Einfluss hat, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Integrität des Systems gestärkt und eine qualitativ hochwertige Ausbildung angeboten wird.

  • ÄrztInnen, Fachgesellschaften, Krankenhäuser und andere Gesundheitsdienstleister sollten die finanziellen Beziehungen von ÄrztInnen zur Industrie reformieren. Die gleichen Standards sollten für niedergelassene ÄrztInnen, medizinische Fakultäten, Auszubildende, medizinische Verlage und MedizinjournalistInnen gelten. Sie alle sollten auf alle Geschenke und sonstigen Geldwerte von Pharma-, Medizinprodukte- und Biotechnologieunternehmen verzichten und in bestimmten Situationen nur Zahlungen zum fairen Marktwert für eine legitime Dienstleistung akzeptieren. ÄrztInnen sollten keine Fortbildungspräsentationen machen oder wissenschaftliche Artikel veröffentlichen, die von der Industrie kontrolliert werden oder wesentliche Teile enthalten, die von jemandem geschrieben wurden, der nicht als Autor oder Autorin identifiziert oder nicht korrekt angegeben ist. ÄrztInnen sollten sich nur nach dokumentierter Vereinbarung und auf ausdrückliche Einladung seitens des Arztes oder der Ärztin mit VertreterInnen von Pharma- und Medizinprodukten treffen und keine Arzneimittelproben annehmen. Ausnahmen sollten nur möglich sein, wenn PatientInnen kein Geld für Medikamente haben. Bis Institutionen ihre Richtlinien ändern, sollten ÄrztInnen, Auszubildende, MedizinbuchverlegerInnen und MedizinjournalistInnen diese Empfehlungen freiwillig als Standards für ihr eigenes Verhalten übernehmen.

  • Medizinische Unternehmen und ihre Stiftungen sollten die Interaktion mit ÄrztInnen reformieren – beispielsweise durch Einführung von Richtlinien und Vorgehensweisen gegen das Anbieten von Geschenken, Mahlzeiten, Arzneimittelproben (außer für PatientInnen, die kein Geld für Medikamente haben) oder ähnlichen Sachwerten und gegen Angebote an ÄrztInnen, ihren Namen für Texte herzugeben, die andere Personen verfasst haben. Beratungsvereinbarungen sollten für notwendige Dienstleistungen getroffen, in schriftlichen Verträgen dokumentiert und zum fairen Marktwert abgegolten werden. Unternehmen sollten ÄrztInnen und PatientInnen nicht in Marketingprojekte einbeziehen, die als klinische Forschung deklariert werden.

  • Gruppen, die Richtlinien für die klinische Praxis entwickeln, sollten die Finanzierung seitens der Industrie und Interessenskonflikte auf Seiten von Ausschussmitgliedern einschränken. Einrichtungen aller Art, darunter Zulassungs- und Zertifizierungsstellen, Ausschüsse für die Entscheidung über die Aufnahme von Medikamenten in Bestellformulare, Krankenversicherer und öffentliche Stellen sollten Anreize für die Verringerung von Interessenskonflikten bei der Entwicklung von Leitlinien für die klinische Praxis schaffen. Bestehende Praxisrichtlinien zu Interessenkonflikten, die unter Beteiligung von im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen erstellt wurden, sollten sofort von im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen überarbeitet werden, die sich nicht in Interessenkonflikten befinden, welche die Aktivitäten der Einrichtung betreffen. Es wäre ein starkes Signal der Gesundheitsindustrie, wenn sie die Kosten für die Entwicklung und Veröffentlichung neuer und unabhängiger Richtlinien übernehmen würde.

  • Leitungsgremien von Organisationen, die sich mit medizinischer Forschung und Ausbildung, Patientenversorgung oder Richtlinienentwicklung befassen, sollten eigene ständige Ausschüsse für institutionelle Interessenkonflikte einrichten; deren Mitglieder sollten sich nicht in Interessenkonflikten befinden, die die Aktivitäten der Organisation betreffen.

  • Nationale Gesundheitsbehörden sollten die staatlichen Vorschriften dahingehend überarbeiten, dass Forschungseinrichtungen Richtlinien zu institutionellen Interessenkonflikten haben müssen einschließlich der Meldung identifizierter institutioneller Interessenkonflikte und der Schritte, die unternommen werden, um solche Interessenkonflikte zu beseitigen oder zu bewältigen. Wichtig wäre auch eine sinnvolle Einbeziehung von VertreterInnen von Patientenorganisationen, die sich nicht in Interessenkonflikten befinden, in die Gestaltung, Durchführung, Auswertung und Veröffentlichung der Forschung.

  • Aufsichtsbehörden und andere Gruppen sollten den Organisationen zusätzliche Anreize anbieten, Richtlinien für Interessenkonflikte zu verabschieden und umzusetzen, zum Beispiel die Namen der Organisationen zu veröffentlichen, die die empfohlenen Richtlinien eingeführt haben bzw. dies unterlassen haben.

  • Ministerien für Gesundheit und soziale Dienste sowie ihre Agenturen sollten Forschungsprogramme zu Interessenkonflikten entwickeln und finanzieren.

  • Es sollte gemeinsame Online-Datenbanken zu Interessenkonflikten geben, die in allen Sprachen frei und leicht zugänglich sind und auf einer nationalen Vorlage basieren.

Unter Bezugnahme auf Noam Chomsky (2005), einen US-amerikanischen Philosophen und emeritierten Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology in Boston, erklärte Giovanni Fava die Notwendigkeit, durch einen ganzheitlichen Ansatz die eigene geistige Freiheit zu verteidigen und die Abhängigkeit von der Gesundheitsindustrie zu überwinden:

     »Die Probleme, die durch die zunehmenden finanziellen Beziehungen zwischen der Pharmaindustrie und ForscherInnen und KlinikerInnen verursacht werden, können nur durch komplexe Anstrengungen angegangen werden. Diese sollten sowohl die Einrichtung von unterstützenden Leitlinien für unabhängige ForscherInnen umfassen, die frei von erheblichen Interessenkonflikten sind, als auch eine bessere Offenlegung und ein besseres Verhalten sowie Vorschriften über finanzielle  Verpflichtungen. Solche Anstrengungen erfordern eine mutige Abkehr von aktuellen, weitgehend unangemessenen Strategien. Auf lange Sicht kann dies jedoch erhebliche Vorteile für PatientInnen, KlinikerInnen, ForscherInnen, die Gesundheitsbranche und die Zivilgesellschaft insgesamt mit sich bringen.« (2007, S. 19)

Darüber hinaus sollten im Gesundheitsbereich Tätige und ihre Organisationen, die ihre Interessenkonflikte nicht in korrekter und vollständiger Form offenlegen, zusätzlich zu anderen Maßnahmen per Gesetz gezwungen werden, Geld in Höhe ihrer Einnahmen in einen Fonds einzuzahlen, der von Patientenorganisationen kontrolliert wird, die keine Interessenkonflikte haben. Damit soll die Genesung von Behandlungsschäden und die Hilfe beim Absetzen von Psychopharmaka im Falle von Abhängigkeits-, Entzugs- und Reduktionsproblemen unterstützt werden.

     Reiner Ott, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE), antwortete auf die Frage nach der Meinung seines Verbands zur Transparenz im psychosozialen Bereich:

     »Zu einem Arzt, der zum Beispiel auf einer Webseite seine Verbindungen bzw. Nicht- Verbindungen zur Pharamaindustrie, Krankenhäuser und Ähnlichem offenlegt, würde ich schneller und leichter Vertrauen fassen, als wenn ich da keine Informationen hätte. Ich sehe das in einem sehr ähnlichen Zusammenhang wie mit der Lobby-Kontrolle bei Politikern.« (2019)

Obwohl noch nicht verbindlich, hat der Verband der britischen Pharmaindustrie zusammen mit National Voices, einer Koalition von gemeinnützigen Organisationen im Gesundheits- und Sozialwesen in England, einen bemerkenswerten Leitfaden für die Zusammenarbeit zwischen gemeinnützigen Organisationen und Pharmaunternehmen entwickelt. »Transparenz, einschließlich der Offenlegung von Beziehungen, ist entscheidend für die Gewährleistung von Verantwortlichkeit, den Aufbau von Vertrauen und die Aufrechterhaltung eines guten Rufs«, schrieben sie und verwiesen auf ihren Verhaltenskodex:

     »... verlangt von Unternehmen, Einzelheiten über ihre Beziehungen zu Patientenorganisationen zu veröffentlichen, die Organisationen zu benennen, die Art der Aktivität (ob Unterstützung oder Auftragsvergabe für Dienstleistungen) und die damit verbundenen Geldwerte und immateriellen Werte zu beschreiben. (...) Gemeinnützige Organisationen sollten sich des Risikos bewusst sein, den Anschein zu erwecken, etwas zu verbergen zu haben. Sie sollten nicht nur überlegen, was sie offenlegen sollen, sondern auch, wie sie es offenlegen sollen. Je einfacher die Informationen zu finden sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sich jemand beschwert, dass die Organisation etwas zu verbergen hat.« (ABPI & National Voices, 2014, S. 7)

 

Fazit

     Eine europäische Verordnung über ein Höchstmaß an Transparenz wäre ein ermutigendes Signal für alle politischen Parteien, im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen, sinnvolle Vorschriften in ihren Staaten und in ihren Organisationen zu entwickeln. Jede Kommission oder Agentur auf internationaler oder nationaler Ebene könnte jedoch damit beginnen und die Finanzierung von im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen verweigern, bei denen Interessenkonflikte festgestellt wurden, zumindest solange sie keine Richtlinien über ernsthafte Interessenkonflikte verabschieden und umsetzen und diese Offenlegungsrichtlinien stärken. Um das Recht auf Einwilligung zu einer Behandlung nach Aufklärung zu fördern, sollten PatientInnen und ihre Vertrauenspersonen uneingeschränkten Zugang zu Studienergebnissen und Berichten über schädliche Wirkungen von Behandlungsmaßnahmen auf allen Ebenen haben, auch wenn diese nicht veröffentlicht wurden.

     Transparenz würde es allen Beteiligten ermöglichen, eine unabhängige Meinung zu Aussagen von im Gesundheitsbereich Tätigen und ihren Organisationen zu bilden, wenn die Transfers von Geldwerten zwischen der Gesundheitsindustrie und ihnen vollständig transparent wären. Monitoring- und Präventionssysteme könnten verbessert werden, wenn Transparenz durchgesetzt wird. Dies würde verhindern, dass PatientInnen Krankheiten entwickeln, die auf die Folgen der Verabreichung von Psychopharmaka zurückzuführen sind. Arbeitsfehlzeiten, Krankschreibungen und Frühberentung würden ebenso sinken wie die medizinischen Kosten, die sonst von den Krankenkassen, der Bevölkerung und den staatlichen Gesundheitseinrichtungen getragen werden müssen. Eine vollständige Offenlegung von Interessenkonflikten auf der Grundlage strenger Vorschriften würde die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten einschließlich der Pharmaunternehmen erhöhen; es wäre eine Win- Win-Situation, das heißt, alle Seiten würden davon profitieren.

 

 

Anmerkungen

* Dieses Manuskript war die Grundlage für meine Powerpoint-Präsentation www.peter- lehmann.de/document/shedding-light.pdf im Namen des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen im Europäisches Parlament in Brüssel am 23. Januar 2019. Mittlerweile haben einige Länder strengere Transparenzvorschriften eingeführt; eine Analyse wurde von MHE jedoch nicht durchgeführt (Stand: Januar 2021).

Die Open Society Foundations sind eine Gruppe von Stiftungen des US-amerikanischen Milliardärs George Soros, die den Gedanken der offenen Gesellschaft unterstützen. Sie finanzieren Initiativen der Zivilgesellschaft und politische Aktivitäten hauptsächlich in Mittel- und Osteuropa.

Dank an Olga Kalina, Margret Osterfeld, Peter Stastny und Stephanie Wooley für die Unterstützung bei der Textbearbeitung. Original veröffentlicht unter dem Titel »Transparency first. Disclosure of conflicts of interest in the psychiatric field« in: Journal of Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy (Ross-on-Wye, Wales), 19. Jg. (2019), S. 131-151 (im Internet unter http://bit.do/trans- first).

Dank an Natalie Wagner und Tim Stubbe für die Übersetzung ins Deutsche. Die in Klammern kursiv geschriebenen Erläuterungen stammen von Peter Lehmann.

 

Quellenangaben

(Alle Internetquellen wurden am 4. März 2019 abgerufen.)

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Über den Autor

Peter Lehmann, Dr. phil. h.c., ist Diplom-Pädagoge und Träger des Bundesverdienstkreuzes, arbeitet als Autor und Verleger in Berlin und war 1991 Gründungsmitglied und bis 2010 langjähriges Vorstandsmitglied des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen.

Elektroschocks im 21.Jahrhundert

Ein Artikel von PETER LEHMANN aus dem Rundbrief des BayPE 2/2020

 

Elektroschocks in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Jahre 2020

Ohne Widerstand ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz die als »Elektrokrampftherapie« bezeichnete Auslösung eines Grand-mal-Anfalls ins Standardrepertoire der Psychiatrie zurückgekehrt. Deren Befürworter begründen den vorbeugenden, konsequenten und dauerhaften Einsatz des modernen Elektroschocks mit dessen geringer Rate unerwünschter Wirkungen und überlegenem Ansprechen. Sie befürworten den Einsatz auch bei Schwangeren, Kindern, Alten und Behinderten und sehen keinerlei absolute Kontraindikation. Andererseits berichten Anwender wie auch Kritiker von chronischen Gedächtnisstörungen nach modernen Elektroschocks, spontan wiederkehrenden epileptischen Anfällen, lebensbedrohlichen Folgen für Herz, Kreislauf und Hirngefäße sowie einer erhöhten Rate von Tot- und Frühgeburten.Die psychiatrische Disziplin befasst sich mit abweichenden mikro- oder makropolitischen Denk- und Sinnesweisen, reduziert diese auf Stoffwechselstörungen und bekämpft sie mit medizinisch ummantelten Maßnahmen im Versuch, die Demoralisierten, Leidenden oder Störenden an die herrschende Normalität anzupassen. Wer diese Vorgehensweise als rein medizinisches Problem versteht und sie Psychiatern überlässt, spielt ihrem Herrschaftsanspruch in die Hände und läuft Gefahr, ihren menschenrechtsfeindlichen Charakter erst dann zu verstehen, wenn er oder sie selbst – oder Oma, Opa, Mutter, Vater, Kind, Freundin, Freund, Liebster, Liebste – davon betroffen ist. Dieser Artikel ruft die von den Elektroschockfreunden ausgehende Gefahr ins Bewusstsein und empfiehlt Schutzmaßnahmen.

 

Der moderne Elektroschock – Gipfel der Humanität?

Mainstream-Psychiater drängten jahrzehntelang, vermehrt Elektroschocks zu verabreichen (Rufer, 1992). Noch 2007 warnte der Schweizer Arzt und Psychotherapeut Marc Rufer: »Es ist still geworden um diese Behandlungsmethode der Psychiatrie, die viele Menschen mit Folter, Grausamkeit und elektrischem Stuhl assoziieren. Doch diese Ruhe ist künstlich hergestellt, sie ist taktischer Natur – zu schlecht war nach Ansicht der schockenden Psychiater der Ruf dieser Behandlung geworden.« (S. 413) Derzeit haben nicht nur Homophobie, Fremdenhass, Sexismus und Antisemitismus Konjunktur. Auch der in der Zeit des Faschismus entwickelte Elektroschock erlebt eine Renaissance. 2012 riefen Psychiaterverbände in Deutschland, Südtirol (Italien), Österreich und der Schweiz dazu auf, flächendeckend Elektroschock-Apparate anzuschaffen und konsequent, vorbeugend und kontinuierlich einzusetzen (Grözinger u.a., 2012). Die Propagandisten des modernen Elektroschocks pochen unisono auf schonendere Praktiken seiner Verabreichung. Weitere Argumente sind das angeblich gute und sofortige »Ansprechen« auf Elektroschocks, die medikamentöse Unterdrückung der ansonsten bei epileptischen Anfällen auftretenden Muskelkrämpfe durch die Gabe von Muskelrelaxanzien (muskelerschlafenden Mitteln), gelegentliche und tolerierbare »zeitlich nur begrenzte kognitive (die Erkenntnis- und Informationsverarbeitung betreffende) Nebenwirkungen« und fehlende neuere Berichte über elektroschockbedingte Hirnblutungen.

 

Vertreter kritischer Positionen beschuldigt man einer ignoranten Leidenschaftlichkeit, der Behinderung dringend erforderlicher Behandlungen sowie unethischer Positionen gegenüber zwangsweise verabreichten modernen Elektroschocks. Die Kritik an Elektroschocks und dessen schädliche Wirkungen auch bei seinen modernen Varianten will man mit dem stereotyp vorgebrachten Argument abtun, sie sei einzig eine Reaktion auf die zeitgemäße und drastische Darstellung dieser Methode in dem Oscar-prä-mierten Film »Einer flog über das Kuckucksnest« von Miloš Forman aus dem Jahr 1975. Einzelne, lediglich subjektiv belastende autobiographische Gedächtnisstörungen seien zwar zu beachten, jedoch bezüglich Häufigkeit und Ursächlichkeit unklar. Und viele Patientinnen und Patienten würden – belegt durch anekdotenhafte »Fallberichte« – zwangsweise verabreichte Elektroschocks im Nachhinein befürworten. Medizinisch, juristisch und ethisch seien gegen den natürlichen Willen verabreichte moderne Elektroschocks nicht anders zu bewerten als jede andere psychiatrische Zwangsbehandlung auch, so ein Grundsatzartikel im Nervenarzt, dem Organ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): »Obwohl die EKT als ärztliche Zwangsmaßnahme, wie jede Behandlung gegen den natürlichen Patientenwillen, einen schweren Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht darstellt, kann ihr Einsatz im Einzelfall medizinisch indiziert, rechtlich zulässig und ethisch geboten sein.« (Zilles u.a., S. 313) Im deutschsprachigen Raum werden derzeit die Elektroschock-Apparate Thymatron® und spECTrumTM eingesetzt. Produziert werden sie von den US-amerikanischen Firmen Somatics LLC bzw. Mecta Corporation. »Optimierte EKT ist die neueste Form der EKT«, wirbt die Mecta Corporation (2020), ihre Geräte seien die technisch fortgeschrittensten Apparate, jetzt noch effektiver und noch sicherer als zuvor. In ihrer Diplomarbeit an der Höheren Fachschule Intensiv-, Notfall- und Anästhesiepflege Zürich beginnt Anja Grigoli-Bretschneider (2016) die Zusammenfassung mit der Position, die das Studium der Literatur der Elektroschockbefürworter ergab: »Die Elektrokrampftherapie (EKT) stellt ein einzigartiges, humanes und sicheres Verfahren für die Behandlung vieler therapieresistenter psychischer Erkrankungen dar.« Hier wiederholt sich die Geschichte. Die gleiche Aussage traf vor fast acht Jahrzehnten der US-amerikanische Psychiater Abraham Myerson:»Die Elektroschocktherapie scheint ohne nennenswerte Gefahr zu sein.« (1941, S. 1084)

 

Moderne Schockzahlen

2008 – neuere Zahlen liegen nicht vor – verabreichte man in der Schweiz ca. 2.100 Elektroschocks (26,9 pro 100.000 Einwohner), in Österreich 1600 (20,5 / 100.000), in Deutschland 30.000 (36,7 / 100.000). Im Vergleich mit einigen europäischen Ländern befinden sich die deutschsprachigen Länder im unteren Drittel. In Dänemark beispielsweise ist die Rate zehnmal höher als in Deutschland. In Deutschland stieg die Zahl der verabreichten Elektroschocks zwischen 1995 und 2008 zwar um das Zweieinhalbfache (Henkel & Grözinger 2013, S.17), in der Schweiz verzehnfachte sich die Elektroschockrate von 2007 bis 2010 (Ramseier u.a. 2011), doch im internationalen Vergleich liegt man in diesen Ländern nach wie vor am unteren Ende. Entsprechend heftig sind die Anstrengungen der Psychiater auch in der Schweiz, den internationalen Rückstand aufzuholen. Dass es auch konträre Stimmen in der Schulpsychiatrie gibt, wonach Elektroschocks unnötig seien, quittiert man mit Schweigen. Der Psychiater Asmus Finzen, Leitender Krankenhausarzt 1975-1987 in Wunstorf (BRD) und bis 2003 in Basel, berichtete 2018, in all den Jahren seiner Berufstätigkeit sei er für ca. 50 000 Patientinnen und Patienten zuständig gewesen, habe aber kein einziges Mal die Verabreichung von Elektroschocks für nötig befunden (siehe Hannig, 2019). In aller Welt sind es mehrheitlich Frauen und ältere Menschen, denen man Elektroschocks verabreicht (Henkel & Grözinger 2013, S. 17). In der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, den Kliniken mit den höchsten Schockzahlen in der Schweiz, betrug der Anteil weiblicher Elektroschock-Patienten 63,5% (Pfaff u.a. 2013, S. 387). In Ländern anderer Kontinente, beispielsweise in Pakistan, Hongkong oder Saudi-Arabien, findet sich ebenfalls eine Majorität von Frauen unter den Behandelten (Henkel & Grözinger, 2013, S. 20). Mainstream-Psychiater sehen weder absolute noch relative Kontraindikationen, wenn sie moderne Elektroschocks verabreichen wollen (Grözinger u.a., 2016, S. 8f.).

 

Wirkprinzip epileptischer Anfall

Auch wenn man heutzutage harmloser klingende Begriffe wie »Elektrokrampftherapie (EKT)«, »elektrische Durchflutungstherapie« oder »Elektrokonvulsionstherapie« benutzt und gelegentlich von einer »Hightech-Schockbehandlung« spricht: Am Wirkprinzip des Elektroschocks, so seine ursprüngliche Bezeichnung, hat sich nichts geändert. Die Psychiatrischen Dienste Graubünden informieren entsprechend: »Die EKT hat sich seit ihrer Einführung vor mehr als 80 Jahren in der technischen Ausführung fundamental verändert, wenngleich das Grundprinzip der Behandlung gleich blieb.« (2019) Der ungarische Psychiater Meduna glaubte, dass sich Epilepsie und das, was in der Psychiatrie unter Schizophrenie verstanden wird, gegenseitig ausschließen. Deshalb forschte er ab 1933 an der Budapester Universitätsklinik an Meerschweinchen und Menschen, wie man künstliche epileptische Anfälle auslösen kann. In der Neurologie forschte man dagegen nach Methoden, epileptischen Anfällen wegen der langfristig damit einhergehenden Hirnschäden vorzubeugen. 2012 betonte Michael Grözinger, Sprecher der DGPPN in Sachen Elektroschock und Mitherausgeber des Mainstream-Standardwerks »Elektrokonvulsionstherapie kompakt«, unter Hinweis auf Meduna gemeinsam mit Kollegen die absolute Notwendigkeit, einen großen epileptischen Anfall als wirkungsaktives Mittel auszulösen: »Die grundlegende Hypothese Ladislas Medunas zum Wirkmechanismus, der zufolge der generalisierte Krampfanfall das therapeutische Agens (Wirkfaktor - P.L.) der EKT darstellt, besitzt auch heute noch Gültigkeit. Alle Versuche, diesen Kernbestandteil der Methode zu modifizieren, waren mit einer Einbuße an therapeutischer Wirkung verbunden.« (S. 919) Nach Einleiten einer Narkose und der Gabe eines Muskelrelaxans platziert man die Elektroden einseitig (unilateral) oder an beiden Schläfenseiten (bilateral). Dann wird per Schalter das Gehirn »angeregt«, das heißt, mit Stromstößen der epileptische Anfall, also der Hirnkrampf ausgelöst. Dieser findet statt, auch wenn die Patientin bzw. der Patient bewusstlos ist. In manchen Einrichtungen, z.B. dem Psychiatrischen Uniklinikum Zürich/Uniklinikum Balgrist, wird grundsätzlich bilateral elektrogeschockt. Grigoli-Bretschneider berichtet aus ihrem Praktikum: »In Balgrist wird laut der Psychiaterin stets bilateral geklebt und stimuliert. Auf die Frage, warum dies so gemacht werde, antwortet die Psychiaterin, welche ihren Namen nicht erwähnt haben möchte, dass die Krämpfe so besser seien. Es habe zwar mehr Nebenwirkungen, da mehr Strom appliziert wird, jedoch sei es dann sicher, dass der Krampf gut werde.« (2016, S. 19) Meist werden Elektroschocks in Serien verabreicht, sechs bis zwölf Schocks in zwei- bis dreitägigem Abstand. Menschen mit der Diagnose »Schizophrenie« werden besonders starke und viele Elektroschocks verabreicht. Zunächst einmal sollen zwanzig Schocks verabreicht werden, um zu sehen, ob sie auf die Schocks »ansprechen«.

 

Gelegenheiten für moderne Elektroschocks

Als Indikation für moderne Elektroschocks gelten behandlungsresistente Depressionen und Psychosen, unbefriedigende Wirkungen von Antidepressiva, Neuroleptika (»Antipsychotika«) und Stimmungsstabilisatoren, deren Unverträglichkeit oder Ablehnung. Die früher vertretene Position, Elektroschocks seien im Wesentlichen eine Ultima Ratio, speziell bei febriler Katatonie (einer mit Fieber und Störungen der Motorik, die gelegentlich von extremer Erregung zu extremer Passivität wechselnder Symptomatik), gilt längst als »unwissenschaftlich, medizinisch unangemessen und faktisch unrichtig« (Berthold-Losleben & Grözinger 2013, S. 51). Die potenziell Depressionen-chronifizierende Wirkung von Antidepressiva und Psychosen-chronifizierende Wirkung von Neuroleptika (Lehmann 2017, S. 94-102) drängt Psychiatern Elektroschocks geradezu auf, wenn ihre Psychopharmaka ausgereizt sind. Für Neuroleptika-bedingte Erstarrungszustände bot beispielsweise der deutsche Psychiater Helmut Selbach diese Lösung an: »Und bei den letzteren können wir pharmakologisch gar nichts erreichen, da können wir nur noch mit der Elektroschock-Therapie dazwischenfahren, und damit ist unsere Weisheit am Ende.« (1963) Wenn – aus welchem Grund auch immer – die psychischen Probleme abgeklungen sind, bedeutet dies nicht, dass Psychiater von der Verabreichung von Elektroschocks ablassen wollen. Jetzt kommen EEKT ins Spiel, »Erhaltungs-Elektrokrampf-Therapien«. Vorsorglich fortgesetzte Elektroschocks in verminderter Frequenz böten den besten Schutz vor Rückfällen. Die Empfehlung lautet: sechs- bis zwölfmal im wöchentlichen Abstand, dann viermal im Abstand von zwei Wochen, dann viermal im Abstand von drei Wochen, anschließend monatlich. Bei Menschen mit der Diagnose »Schizophrenie« empfiehlt man, nicht länger als drei Wochen bis zum nächsten Elektroschock zu warten (Di Pauli & Grözinger, 2013). Der moderne Elektroschock findet in zeitgemäßer Form computergesteuert statt und entspricht dem Zeitgeist der Computertechnologie und Internetvernetzungen, deren Funktionsweise auch dem menschlichen Geist zugrunde gelegt werden (Eckoldt, 2016, S. 207-222). Seit Jahren entwickeln Mathematiker, Informatiker, Biologen und Neurologen mathematische Modelle (»Neuromodeling«), die individuelle Mechanismen menschlichen Verhaltens oder neuronaler Aktivität zu beschreiben und vorherzusagen versuchen (Universität Zürich, 2015; Fuchs, 2015). Ähnlich Facebook oder Amazon, wo Logarithmen neue Freunde oder Waren empfehlen, liest die künstliche Intelligenz die in der Psychiatrie gemessenen Hirnströme in Rechenprogramme ein und empfiehlt die Diagnose und Behandlung. Man braucht wenig Phantasie, um vorauszusagen, dass – wenn die Patientinnen und Patienten eh schon auf dem Behandlungsbett liegen und verdrahtet sind – über kurz oder lang aus Optimierungsgründen der Hirnstrommessung gleich ein logarithmenbestimmter Elektroschock folgen wird.

 

Behandlungsschäden durch moderne Elekt­roschocks

Die Psychiatrischen Dienste Graubünden informieren über mögliche Folgen des Elektroschocks: »Wenn die EKT frühzeitig bei schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankungen eingesetzt wird, kann es im günstigsten Fall zur Verhinderung oder zumindest zur Verringerung von Folgewirkungen der psychiatrischen Erkrankungen kommen, wie z.B. Reduzierung von sozialen und familiären Konsequenzen bei lang andauernder psychiatrischer Erkrankung.« (2019) Familiäre und soziale Konflikte können so kaschiert werden, wenigstens kurzfristig. Welche Folgen im weniger günstigen Fall für die Betroffenen auftreten, bleibt unerwähnt. Die bekanntesten Behandlungsschäden infolge moderner Elektroschocks sind kognitive Störungen sowie Gedächtnisstörungen. Psychiater teilen diese in vier Kategorien ein: 1) vorübergehende postiktale (nach dem Krampfanfall auftretende) Unruhezustände und Delirien, 2) anterograde Amnesie (auf einen kürzeren oder längeren Zeitraum vor der Behandlung bezogener Gedächtnisverlust), 3) kurzzeitige retrograde Amnesie (auf zurückliegende Ereignisse bezogener Gedächtnisverlust) und 4) gravierende retrograde Amnesie. Speziell in der US-amerikanischen Bedienungsanleitung des Thymatron®IV spricht die Herstellerfirma Somatics die vierte Kategorie an: »Eine kleine Minderheit der mit EKT behandelten Patienten berichtet später von verheerenden kognitiven Folgen. Patienten konnten aufzeigen, dass sie eine dichte Amnesie haben, die weit in die Vergangenheit zurückreicht, wenn es sich um Ereignisse von persönlicher Bedeutung handelt, oder dass eine breite kognitive Funktion so beeinträchtigt ist, dass die Patienten nicht mehr in der Lage sind, frühere Berufe auszuüben. In einigen Selbstberichten von Patienten über schwerwiegende EKT-induzierte Defizite kann sich ein objektiver Funktionsverlust widerspiegeln... In seltenen Fällen kann die EKT zu einer dichten und anhaltenden retrograden Amnesie führen, die sich über Jahre erstreckt...« (undatiert) Manche Patientinnen und Patienten vergessen nach Elektroschocks, dass sie Kinder haben, oder sie wissen nicht mehr, wie sie heißen und wie alt sie sind. Da es »während« der Verabreichung  von Elektroschocks zu massiven Einschränkungen in der Merkfähigkeit kommen könne, wird laut Christoph Frey von den Psychiatrischen Diensten Graubünden allen Betroffenen vorher angeraten, sämtliche PIN-Codes und Ähnliches aufzuschreiben (Grigoli-Bretschneider, 2016, S. 4). Da vermutlich niemand während des Elektroschocks Onlinebanking machen, im Internet surfen oder sein Smartphone benutzen will, ist anzunehmen, dass sich der Ratschlag auf die Zeit danach bezieht. Sein deutscher Kollege Nils Greve und Kolleginnen räumten entsprechend ein, dass Gedächtnislücken bestehen bleiben und als extrem belastend erlebt werden können (2017, S. 72). Auch die American Psychiatric Association informiert, »... dass EKT zu lang anhaltendem oder dauerhaftem Gedächtnisverlust führen kann.« (2001, S. 71) Retrograde Amnesie ist ernst und kommt häufig vor, und für viele machen die Auswirkungen der chronischen Beeinträchtigungen des Gedächtnisses und der kognitiven Fähigkeiten jeglichen kurzfristigen Nutzen der Elektroschocks auf Dauer zunichte (Robertson & Pryor, 2006, S. 234). Lang anhaltende sowie chronische Gedächtnisschäden treten in Häufigkeitsraten von 50 % auf (Squire & Slater 1983). Kritische Berichte von Betroffenen wie beispielsweise der Autorin Kerstin Kempker (2000) oder der folgende von Maria Sander, die ebenfalls ihren Zustand nach der Verabreichung von Elektroschocks beschreibt, haben in Medien der Mainstream-Psychiatrie keine Chance auf Veröffentlichung: »Leider habe auch ich mich in der Hoffnung auf Besserung dieser Methode 2019 mit 28 Jahren unterzogen und hatte und habe massive Einschränkungen. Ich weiß leider nicht mehr, wo genau am Kopf die Elektroden angebracht wurden. Ich habe gerade nochmal den Arztbrief angesehen. Ich weiß leider – auch wegen der Erinnerungslücken damals und heute – auch nicht mehr, wie viele EKTs durchgeführt wurden. Ich glaube es waren aber unter 6 und auf jeden Fall mindestens 3. Ich habe danach wochenlang Menschen, mit denen ich in einem Mehrfamilienhaus wohne, nicht erkannt oder ich habe diese ständig gefragt, ob ich mit ihnen verwandt sei. Ich habe mich sehr blamiert. Erinnerungen an früher fühlen sich an wie ein kurz gesehener Film, aber nicht wie ein tatsächlich selbst erlebtes Leben. Empathie und Liebe sind seit der Behandlung auch stark bei mir eingeschränkt. Ich habe mich vom Wesen leider sehr verändert. Das Schlimmste sind allerdings die kognitiven Einbußen. Ich habe früher ein Abi und Examen mit einer 1 vor dem Komma geschafft, jetzt kann ich allerdings kaum noch gut schriftlich formulieren. Am meisten belastet mich das mangelnde Zeitgefühl. Es fühlt sich alles an wie eine lange Zeitspanne und ich komme nicht mehr zur Ruhe. Ich kann die Tage nicht voneinander unterscheiden und muss öfter meine Nachbarn fragen. Die EKT ist nun ein Dreivierteljahr her und ich habe von dem Krankenhaus nach Rückfrage am Telefon gesagt bekommen, dass könne nicht mehr von der EKT kommen. Ich muss nun mit diesen Schäden leben und trau mich so auch nicht mehr zu arbeiten. Ich war Bibliothekarin.« (2020)

 

Zensur kritischer Artikel

Dass Hersteller wie die Mecta Corporation (2017, S. 21) in ihrer Werbung ausschließlich befürwortende Betroffene und Angehörige zu Wort kommen lassen und keine Geschädigten, ist in einem gewinnorientierten Unternehmen verständlich. Kritische Stimmen zu Elektroschocks kommen aber auch in psychiatrischen Zeitschriften nicht zu Wort, die sich reformorientiert geben. Ein Beispiel dafür sind die im Psychiatrieverlag erscheinenden Sozialpsychiatrischen Informationen (SPI). Dort wollte der Autor dieses Artikels in einem Beitrag auf das Symposium »Die Wiederkehr des Elektroschocks: Legitime Therapie oder verantwortungslose Schädigung?« bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) 2018 in Magdeburg hinweisen und dazu beitragen, dass das Risiko lang anhaltender sowie chronischer Gedächtnisschäden durch Elektroschocks nicht weiterhin totgeschwiegen, bagatellisiert oder mit Berichten einzelner dankbarer Elektroschockpatientinnen und -patienten weggeredet wird. Dieser Versuch wurde jedoch von der SPI-Redaktion mit der Zurückweisung seines Artikels und dieser Argumentation zunichte gemacht: Der Text sei zwar informativ, manchmal aber auch polemisch. Weiterhin nicht überzeugend, so die SPI-Redaktion, sei die Annahme, dass Psychiater nicht die Wahrheit zu den Risiken und Schäden sagen. Der Artikel sei gefährlich, denn er berge die Gefahr, dass der ›immer wieder gezielt in die Öffentlichkeit getragenen Darstellung der Elektrokrampftherapie als veraltete, überholte oder gar inhumane und grausame Behandlungsmethode‹ Vorschub geleistet werde. (Mittlerweile ist der zensierte Artikel anderweitig erschienen [Lehmann, 2019].) Zu den SPI-Redaktionsmitgliedern von 2018 zählten Peter Brieger, Psychiater und Ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums München (mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten) und Eva-Maria Franck, Oberärztin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover (Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten). Im SPI-Redaktionsbeirat saßen Helmut Hasel-beck, ehemaliger Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Bremen-Ost (mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten) und Renate Schernus vom Evangelischen Krankenhaus Bielefeld – Standort Bethel (mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten). Das Editorial der SPI Heft 3/2018, für das der Artikel gedacht war, schrieb Dyrk Zedlick, SPI-Redaktionsmitglied und Chefarzt des Rudolf-Virchow-Klinikums Glauchau (Akademisches Lehrkrankenhaus des Universitätsklinikums Jena – mit betriebsbereiten Elektroschock-Apparaten). Bezeichnend ist, dass trotz der Tatsache, dass die genannten Redaktionsmitglieder in teilweise leitenden Stellungen ihrer Kliniken tätig waren (oder noch sind) und diese mit Elektroschocks erhebliche Zusatzeinnahmen erwirtschaften, jegliche Erklärung der Interessenkonflikte unterblieb.

 

Weitere Behandlungsschäden durch moder­ne Elektroschocks

Lucy Johnstone von der University of the West of England in Bristol befragte Betroffene, die negative Erfahrungen mit psychiatrischer Behandlung gemacht hatten, und kam zum Schluss, dass die Verabreichung von Elektroschocks für einen Teil der Patientinnen und Patienten eine tiefgreifende und dauerhaft traumatische Erfahrung bedeutet: »Eine Vielzahl von Themen kamen auf, darunter Gefühle von Angst, Scham und Demütigung, Wert- und Hilflosigkeit sowie das Gefühl, misshandelt und vergewaltigt worden zu sein.« (1999, S. 69) In der psychiatrischen Literatur finden sich weitere unterschiedlich oft auftretende Behandlungsschäden infolge moderner Elektroschocks: Unruhezustände, stundenlange delirante Zustände, Kopfschmerzen, Sprachversagen, anhaltende epileptische Anfälle von mindestens mehreren Minuten (Status epilepticus), auf Dauer spontane epileptische Anfälle, fünffach erhöhte Suizidrate in der auf Elektroschocks folgenden Woche, Blutdruck- und Herzrhythmusstörungen, Atemstillstand, Einrisse in Gefäßwänden, Lungenentzündungen infolge Ansaugen von Mageninhalt in die Lunge, Asthmaanfälle, Krämpfe der glatten Bronchialmuskulatur und des Kehlkopfes, Schwindelzustände, Übelkeit, Einkoten, Einnässen, Risse in der Blasenwand, Verletzungen an der Zunge, den Lippen, den Zähnen und der Mundschleimhaut (Übersicht siehe Lehmann, 2017, S. 141-151). Die gefährlichen vegetativen Reaktionen sind unabhängig von der Krampfdauer und können das Krampfende überdauern. Werden Schwangere geschockt, liegt die kindliche Sterblichkeit bei 7,1 % (Paulzen & Benkert, 2017, S. 928). Beschreiben Psychiater intern Hirnschäden durch Elektroschocks, verneinen sie diese außerhalb ihrer Fachveröffentlichungen mit Vehemenz. Moderne Elektroschocks würden das Erinnerungsvermögen stärken, die Entstehung von Nervenzellen und den Aufbau von neuen Verbindungen im Gehirn stimulieren und die Dichte der Rezeptoren für Botenstoffe erhöhen, die Hirndurchblutung verbessern, die Sterblichkeit jedweder Ursache vermindern. Laut Peter Gøtzsche, Facharzt für innere Medizin und bis 2018 Direktor des Nordic Cochrane Center in Kopenhagen, handelt es sich bei den genannten Neubildungen im Gehirn lediglich um Narbengewebe, entstanden als Reaktion auf die gesetzten Schäden (2016, S. 213-218). Aufklären, auch über Psychotherapie als Alternative? Ironischerweise nennen selbst die Befürworter von Elektroschocks Alternativen, jedenfalls in ihrer Fachliteratur; Berthold-Losleben und Grözinger schreiben: »Tatsächlich gibt es in der Praxis immer eine Alternative zur EKT, auch wenn sie vielleicht weniger wirksam ist. Im Fall einer ablehnenden Haltung können psychopharmakologische und psychotherapeutische Interventionen intensiviert oder modifiziert werden. Patienten müssen über diese Alternativen aufgeklärt werden und können sich dann entscheiden. Die Darstellung der EKT als Ultima Ratio ist unwissenschaftlich, medizinisch unangemessen und faktisch unrichtig. Sie ist deshalb grundsätzlich abzulehnen.« (2013, S. 51) Die oben genannte febrile Katatonie lässt sich mit dem krampflösenden Medikament Dandrolen oder mit Benzodiazepinen wie Lorazepam® (im Handel auch als Sedazin®, Tavor®, Temesta®) und in Kombination mit Elektrolyten risikoarm behandeln (Spieß-Kiefer & Hippius, 1986). Was Psychiater »Aufklärung« über Behandlungsrisiken nennen, besteht in der Regel aus der Information, Elektroschock würden kurzfristig und vorübergehend zu Gedächtnisproblemen führen. Aus Gründen, die mit unterschiedlichen medizinischen Kompetenzen, ethischen Einstellungen oder Einschätzungen von Haftungsrisiken zu tun haben könnten, informieren Kliniken mit betriebsbereiten Elektroschockgeräten mit abweichenden Formulierungen. Während das Psychiatriezentrum Münsingen AG (undatiert) wissen lässt, Gedächtnisstörungen nach Elekt-roschocks würden sich vollständig zurückbilden, formulieren die Psychiatrischen Dienste Aargau AG vorsichtiger: »Häufigere Nebenwirkungen beinhalten Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Übelkeit, vorübergehende Verwirrtheitszustände und Gedächtnisstörungen. Kopfschmerzen, Muskel-schmerzen und Übelkeit sind normalerweise wenig ausgeprägt und vorübergehend und können durch Medikamente verhindert oder günstig beeinflusst werden. (...) Es kann aber vorkommen, dass es längere Zeit braucht, bis einzelne Ereignisse aus den Tagen oder Wochen vor der Behandlung wieder in Erinnerung gerufen werden können, einzelne bleiben sogar für immer verloren. Einzelne Patienten haben auch über größere Gedächtnislücken berichtet.« (2015, S. 2)

 

Fazit

Es muss daher allen Betroffenen und Angehörigen, denen Elektroschocks vorgeschlagen werden, geraten sein, sich ausgewogen zu informieren und vor einer möglichen Entscheidung pro Elektroschock Publikationen anzuschauen, die nicht dem Prinzip des Expertenmonologs folgen, insbesondere Berichte von geschädigten Betroffenen (gemäß dem Motto »Die Wahrheit über Katzen erfährt man bei den Mäusen«). Kritische Publikationen sind im Internet unter www.peter-lehmann.de/ekt gelistet. Kliniken mit einsatzbereiten Elektroschock-Apparaten in Deutschland, Österreich und der Schweiz finden Sie auf https://t1p.de/schockbereit.Von psychiatrisch Tätigen ist wenig Unterstützung zu erwarten, profitieren diese doch von den durch Elektroschocks erwirtschafteten Zusatzeinnahmen. Diese sichern den eigenen Arbeitsplatz. Die durch herkömmliche wie auch hochmoderne Elektroschocks gesetzten möglichen Schäden kreieren immer neue Aufgaben – bei der fortschreitenden Privatisierung des Gesundheitsbereichs ein durchaus lohnendes Geschäftsmodell. Sinnvoll ist deshalb eine eindeutige Erklärung in einer Patientenverfügung zur Bereitschaft, sich im Fall des Falles Elektroschocks verabreichen zu lassen – oder diese abzulehnen. Eine psychosoziale Vorausverfügung mit Formulierungsvorschlägen zum Thema »Pro & Contra Elektroschock« steht im Internet auf www.peter-lehmann.de/voraus. Und überlegen Sie es sich dreimal, ob Sie sich auf die dauerhafte Verabreichung von Antidepressiva und Neuroleptika einlassen, wenn als Konsequenz Behandlungsresistenz und schließlich Elektroschocks drohen.

 

Anmerkungen

Die Übersetzungen aus dem Englischen stammen von Peter Lehmann. Die umfangrei-hen Quellenangaben stehen aus Platzgründen separat im Internet unter www.peter-lehmann.de/document/eschock2020.

 

Über Peter Lehmann

Diplom-Pädagoge, Autor und Verleger in Berlin. Bis 2010 langjähriges Vorstandsmitglied des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen. 2010 Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Aristoteles-Universität Thessaloniki. 2011 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Buchveröffentlichungen: »Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen«, »Statt Psychiatrie« (Hg. mit Kerstin Kempker), »Schöne neue Psychiatrie«, »Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern« (Hg.), »Statt Psychiatrie 2« (Hg. mit Peter Stastny), »Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika – Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen« (gemeinsam mit Volkmar Aderhold, Marc Rufer & Josef Zehentbauer) u.v.m. Mehr siehe www.peter-lehmann.de

Copyright by Peter Lehmann 2020

 

Außerdem empfielt sich für Interessierte der Aufklärungsbogen Elektroschock

 

Aktueller Beschluss des Bundesgerichtshofes

 

Am 15.01.2020 beschloss der Bundesgerichtshof, dass die Elektrokrampftherapie als Zwangsmaßnahme für Schizophrene in der Regel nicht genehmigungsfähig ist. Hintergrund ist die Klage eines Betroffenen mit einer chronifizierten paranoiden Schizophrenie, der 2018 wiederholt zwangsweise mit Elektroschocks behandelt wurde. Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass Zwangsmaßnahmen nur angewendet werden dürfen, wenn die Art der Maßnahmen nach medizinisch-wissenschaftlichem Konsens "notwendig" sind, was bei Elektroschocks eben nicht der Fall ist. Die vollständige Pressemitteilung finden Sie hier

 

Experten aus Erfahrung: Genesungsbegleiter*innen

Trialog im Netz

https://www.trinetz.de/

 

Genesungsbegleiter*innen sind Menschen, die psychische Krisen erlebt haben und dies als Ressource nutzen möchten, um anderen mit diesem Erfahrungswissen zu helfen. Auf der Seite "Trialog im Netz" finden Sie alles Wissenswerte rund um das Thema Genesungsbegleitung, inklusive einer eigenen Stellenbörse.

 

Interview Bayern Barrierefrei

Margarete Blank und Martina Heland-Gräf unterhielten sich im letzten, sehr heißen Sommer mit den Machern der Webseite "Bayern Barrierefrei der Bayerischen Staatsregierung.

 

Die beiden Vorstandsfrauen des BayPE gaben Auskunft, was es heißt psychiatrieerfahren zu sein und eben nicht "psychisch krank", welche Behinderungen betroffene Menschen im Alltag erleben, sei es durch die Medikamente oder verständnislose Mitmenschen, und dass Arbeitslosigkeit und Armut die größten Barrieren für eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft sind.

 

Die Vorurteile der Umwelt gegenüber "Psychisch Kranken" machen es den Betroffenen schwer, offen mit den Behinderungen umzugehen, zumal sie, im Gegensatz zu körperlichen Behinderungen, nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Gute Arbeitgeber, zu denen man Vertrauen aufbauen kann, verzichten nicht auf das Können der Psychiatrieerfahrenen und integrieren die leicht behinderten Menschen mit nur geringem Aufwand in das Arbeitsleben.

 

Weitere Themen des Gesprächs waren die Selbsthilfe, die Soteria und ein zu schaffender bayernweiter Krisendienst sowie die Mitarbeit des BayPE e.V. am neuen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (PsychKHG), das der Bayerische Landtag verabschieden will. Das vollständige Interview finden Sie [hier] .