2026/1 - Abschaffung der Diagnose Schizophrenie?
Zur Zeit ist die Diagnose der Schizophrenie von mehreren Seiten aus in der Kritik. Auf der einen Seite wird die Wissenschaftlichkeit des Begriffes in Frage gestellt, auf der anderen Seite steht die Kritik an der Stigmatisierung, die mit dieser Bezeichnung einher geht.
In Japan wurde der Begriff bereits abgeschafft und durch „Störung der Einheit des Selbst“ ersetzt. Ebenfalls die Länder Südkorea und Taiwan fanden andere Begriffe dafür.
Der Psychiater Ludger Tebartz van Elst fordert die Abschaffung des Schizophrenie-Begriffs, weil er seiner Meinung nach wissenschaftlichen Kriterien nicht genügt. Eine ganze Reihe von nicht einheitlichen Störungsbildern wird damit bezeichnet. Laut ihm wurden außerdem erst vor 10 Jahren Autoimmunreaktionen im Gehirn entdeckt, die die selben Symptome hervorrufen können wie die Schizophrenie, aber eine andere Krankheit sind. In diesen Fällen, die relativ häufig sind, führt eine Behandlung mit Neuroleptika nicht zum Ziel. Diese Patienten wurden und werden dann falsch behandelt.
Es wird von verschiedenen Forschern vorgeschlagen, den Begriff durch „Psychose-Spektrum-Störung“ zu ersetzen. Immer häufiger wird er auch einfach durch den Begriff „Psychose“ ersetzt, doch dann besteht Verwechslungsgefahr mit anderen Krankheiten.
Keine andere Krankheit ist so zum Symbol der Ausgrenzung und Stigmatisierung geworden wie die Schizophrenie.
Laut dem Psychiater Jim van Os, entstand dieses Bild im 19. Jahrhundert, mit der Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Dr. Jekyll weiss nicht, dass es in ihm noch den bösen Mr. Hyde gibt. In der Wissenschaft sei diese Metapher längst überwunden, in der Allgemeinbevölkerung allerdings noch nicht. Auch hat man der Krankheit viele Jahre lang eine negative Prognose gegeben, auch dieses Bild stimmt nicht.
Auch auf Seiten der Betroffenen macht man sich Gedanken darüber. Wir selbst nennen uns selbst Psychiatrie-Erfahrene. Inzwischen habe ich von einem anderen Vereinsmitglied auch den Begriff: „psychisch Betroffene“ gehört, das finde ich persönlich ziemlich gut, denn psychisch betroffen ist ja irgendwie auch jeder Mensch. Das zeigt, man gehört zur Gesellschaft dazu. Im englischsprachigen Raum gibt es auch Bezeichnungen wie: „consumer of mental health services“ oder „person with schizophrenia“. Aus der Antipsychiatriebewegung stammt der Begriff „survivor“ also in dem Sinne, dass man die Psychiatrie überlebt hat, ein politisch aufgeladener Begriff. Man sagt im Deutschen auch oft: „an Schizophrenie erkrankte Menschen“ um zu zeigen dass der Mensch nicht seine Krankheit ist, sondern in erster Linie ein Mensch.
Im Zuge meiner Recherchen habe ich die Frage gefunden ob es nicht nur die Bezeichnung ist, die stigmatisiert, sondern die Symptome der Krankheit selbst. Das ist ein wichtiger Einwand. Hier gilt es bei der Diskussion herauszustellen, dass „Normalität“ ein Spektrum ist, niemand ist völlig normal. Es hören sogar 10 Prozent der Menschen gelegentlich Stimmen ohne die Diagnose Schizophrenie zu haben.
Ich denke man sollte einer Umbenennung der Schizophrenie sehr offen gegenüber stehen, tatsächlich glaube ich nicht, dass dieser Begriff noch zu reparieren ist. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass eine Umbenennung tatsächlich das Problem der Stigmatisierung lösen würde. Es könnte auch eine Reaktanz der Menschen geben, die dann sagen könnten: „nichts darf man heutzutage noch sagen!“, also „jetzt erst Recht!“ Die Leute würden auch weiterhin noch schlimmere Begriffe wie „die Verrückten“ verwenden oder das neue Wort könnte dann ebenfalls negativ konnotiert werden. Was wir bräuchten wäre vielmehr eine breite Bewegung in der Bevölkerung gegen jede Diskriminierung, als Vorbild könnte die LGBTQ-Bewegung gesehen werden, die schon sehr sehr viel erreicht hat. Das hätte vor 20 Jahren auch niemand erwartet. Das gleiche wünsche ich mir für die Psychiatrie-Erfahrenen.
Tim Stubbe



