2025/2 - Die Graphic Novel „Margo und die Schizophrenie“ von Lilith Glaser
Rezension des Buches:
Die Bremer Künstlerin und Illustratorin Lilith Glaser hat eine Graphic Novel über Schizophrenie herausgebracht. Sie heisst „Margo und die Schizophrenie.“ Dies ist eine echte Neuheit auf dem Buchmarkt. Eine Graphic Novel ist eine Kunstform, die mit ähnlichen gestalterischen Mitteln arbeitet wie ein Comic, wobei Comics meistens in Fortsetzungsgeschichten erscheinen und eine Graphic Novel ein thematisch abgeschlossenes Werk ist.
Man merkt bei jedem einzelnen Bild des Buches, dass diese junge Künstlerin ihren eigenen Stil bereits gefunden hat. Alles ist in einer eindringlichen Bildsprache gehalten.
Das Thema des Buches ist die Schizophrenie und das Ziel des Werkes ist es, mehr Verständnis dafür zu schaffen und gegen die Stigmatisierung anzugehen. Ich muss sagen, dem Buch gelingt dies sehr gut. Im Allgemeinen gilt die Schizophrenie ja von außen betrachtet als schwer verständlich, man sagt sie wäre so irrational, dass sich andere Menschen nicht hineinversetzen könnten.
„Margo und die Schizophrenie“ beweist, dass das Gegenteil der Fall ist. Betroffene werden sich besser verstanden fühlen, wenn sie dass Werk lesen und die Ermutigung finden, dass sie damit nicht alleine auf der Welt sind. Ich glaube auch, dass die Künstlerin dieses Phänomen mit diesem Werk auch für völlig außenstehende Menschen verständlich macht und zwar nicht nur kognitiv sondern nacherlebbar.
Damit ist der Künstlerin ein wichtiger Beitrag zur Entstigmatisierung gelungen.
Wer grundsätzlich Psychopharmaka ablehnt, dem wird das Buch in Bezug auf Ärzte und Pharmaindu-strie zu unkritisch sein, ich persönlich betone aber das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen sowohl pro als auch contra, wenn alle Informationen, auch die Nebenwirkungen zugänglich sind.
Man kann das Buch auch dafür loben, was es weglässt: das Thema Fremdgefährdung betrifft ja nur sehr sehr wenige Betroffene, wird aber aus Gründen der Sensationslust und der Klicks immer wieder in den Medien an die erste Stelle gesetzt und ausgeschlachtet. Es ist wohltuend, dass die Autorin den Lesern dieses unnötige Thema nicht zumutet. Ein anderes schwieriges Thema wie Suizidalität wird zwar im Buch behandelt, aber mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl ohne Voyeurismus.
Das Buch geht allerdings durchaus nahe, an der Stelle im Buch in der es der Heldin am schlechtesten geht, sind mir auch die Tränen gekommen. Dennoch macht das Buch Mut und hinterlässt nach dem Lesen ein gutes Gefühl, denn Margo steht nach dem Hinfallen immer wieder auf und macht weiter.
Ein super Buch für Betroffene, Angehörige und Freunde und Menschen, die besser verstehen möchten!
Interview mit der Künstlerin Lilith Glaser:
Tim: Hallo Lilith, was hat Dich motiviert, dieses Buch zu schreiben?
Lilith: Ich bin Angehörige einer betroffenen Person, die mir sehr nahe steht und die ich fast täglich sehe.
Tim: Du hast die Kunstform Graphic Novel gewählt, statt einen Roman zu schreiben, wie kam es dazu?
Lilith: Ich habe schon immer gerne gezeichnet, auch Bilderbücher. Ich wollte ursprünglich ein Bilderbuch zu diesem Thema schreiben, mein Verlag hat mich dann dazu ermutigt, eine Graphic Novel zu zeichnen.
Tim: Ich habe selbst vor 2 Jahren einen Roman geschrieben, eine Dystopie über das Thema „Wahn“, im Selbstverlag, es hat sich aber ohne Werbung nicht verkauft. Vielleicht könnte ich es auch einmal bei deinem Verlag probieren, ist der offen für dieses Thema?
Lilith: Mein Verlag, der Omnino Verlag, ist sehr offen dafür, sie haben bereits drei Bücher zum Thema Schizophrenie verlegt.
Tim: Ist deine Angehörige, die betroffen ist, auch ähnlich künstlerisch begabt wie du und glaubst du, dass Betroffene kreativer sind als der Durchschnitt? Befördert es die Kreativität?
Lilith: Ja sie ist auch sehr kreativ und zeichnet ebenso gerne. Ich weiss, dass sie sehr viel zeichnet, wenn sie erkrankt ist, aber sie denkt im Nachhinein, dass ihre Kunst besser ist, wenn es ihr gut geht.
Wie ist das bei dir?
Tim: Ich glaube dass meine Betroffenheit und meine Kreativität zusammen hängen, aber ich bin auch wesentlich strukturierter,. wenn ich keine Psychose habe.
Glaubst Du, dass eine Psychose nur destruktiv ist oder erweitert sie auch das Bewusstsein?
Lilith: Eine Psychose hat nicht nur destruktive Eigenschaften, sie ist auch ein Mehr-Erleben, es kommt ja auch etwas dazu, wenn mehr Dopamin zur Verfügung steht. Man ist offener für Eindrücke, gleichzeitig ist es erschöpfend und danach muss neue Kraft getankt werden.
Tim: Was hilft deiner Verwandten bei Notfällen oder um Rückfälle zu vermeiden, was kann man da als Tip geben?
Lilith: Aufklärung über die Erkrankung ist ganz wichtig, man kann sich auch einen Notfallkoffer bauen, in dem man ermutigende Briefe von Freund:innen aufbewahrt und Telefonnummern von wichtigen Leuten.
Tim: Wie hat deine Angehörige die Polizeigewalt verkraftet, die ihr widerfahren ist, also dass sie in Handschellen gelegt wurde?
Lilith: Heute hat sie es verkraftet, es empört sie aber, denn es war so unnötig, man hätte auch einfach mit ihr reden können.
Tim: Hat sie Angst, dass sie wieder krank werden könnte?
Lilith: Die Angst lebt immer mit, aber sie wird immer weniger, je länger es zurück liegt. Sie lebt bewusster und achtet auf Frühwarnzeichen wie fehlenden Schlaf.
Tim: Wie denkst du über die Diskriminierung von Betroffenen in der Gesellschaft?
Lilith: Es gibt viel Diskriminierung, weil in der Gesellschaft Unwissenheit herrscht, oft sogar auch unbeabsichtigte Diskriminierung aus dieser Unwissenheit heraus.
Tim: Vielen Dank für dieses Gespräch und ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg als Künstlerin.



