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2025/2 - Was uns nicht umbringt, macht uns stärker - Die Psychologie des posttraumatischen Wachstums

Basierend auf dem Buch „What Doesn’t Kill Us – The New Psychology of Posttraumatic Growth“ (2011) von Prof. Dr. Stephen Joseph, Universität Nottingham, Co-Leiter des Zentrums für Trauma, Resilienz und Wachstum.

 

„Was uns nicht umbringt, macht uns stärker“ – kaum ein Satz ist so bekannt und zugleich so umstritten wie dieses berühmte Zitat des Philosophen Friedrich Nietzsche. Nietzsche selbst war geprägt von schweren Migräneanfällen, der ruhelosen Suche nach einem erträglichen Klima, zunehmender Isolation und schließlich einem seelischen Zusammenbruch. Dennoch weigerte er sich, sich selbst zu bemitleiden. Seine Philosophie – Amor fati, die radikale Bejahung des Lebens und des eigenen Schicksals – war Ausdruck eines tiefen Glaubens daran, dass gerade das Leiden eine Quelle innerer Stärke sein kann.

 

Ein weiteres Beispiel ist Viktor Frankl – jüdischer Psychoanalytiker, KZ-Überlebender und Begründer der Logotherapie. Seine therapeutische Lehre basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch auch unter den widrigsten Umständen Sinn finden kann – und genau darin die Kraft zum Überleben liegt. Frankl selbst überlebte das KZ nach eigenen Aussagen, weil er seine Erkenntnisse veröffentlichen und deshalb überleben „musste“.

 

Die empirische Wissenschaft wendete sich diesem Thema, trotz weiter anekdotischer Verbreitung des Phänomens in Philosophie, Religion und einzelner weiterer Berichte, erst ab Mitte der 1990er Jahre zu und eben spezifisch dem Wachstum, dass aus einem psychischen Trauma entstehen kann.

 

Was ist posttraumatisches Wachstum?

Posttraumatisches Wachstum bezeichnet die positiven psychischen Entwicklungen, die infolge tief-greifender seelischer Erschütterungen auftreten können – Entwicklungen, die über die bloße Rückkehr zu dem Zustand vor dem Trauma hinausgehen.

 

Posttraumatisches Wachstum bezieht sich explizit auf die Reaktion auf eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, oder auch PTSD im englischen Sprachraum). Die PTBS ist eine psychische Reak-tion auf extrem belastende Erlebnisse, die die individuelle Bewältigungskapazität übersteigen. Man unterscheidet zwei Hauptformen: Entwicklungstraumata und Schocktraumata. Entwicklungstraumata entstehen in der Kindheit durch andauernden physischen oder psychischen Missbrauch oder durch das chronische Nichtbefriedigtwerden grundlegender kindlicher Bedürfnisse – wie stabile Bindungen, emotionale Wärme, Sicherheit und Fürsorge. Schocktraumata hingegen sind auf einmalige, überwältigende Erlebnisse zurückzuführen, etwa Unfälle, Naturkatastrophen oder einmalige sexuelle Übergriffe. Nicht jede aversive Erfahrung muss zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Wer wann eine PTBS ausbildet, hängt vom Schweregrad der Erfahrung und von den individuellen Resilienzfaktoren (Schutzfaktoren) der betroffenen Person ab. 

 

Bei einer PTBS verbleiben Betroffene in einem Zustand permanenter Alarmbereitschaft. Die Erlebnisse können nicht wie andere Erfahrungen verarbeitet oder in das bestehende Selbst- und Weltbild integriert werden. Die Folgen sind vielfältig: Hypervigilanz, Schreckhaftigkeit, Albträume, Angstzustände, Flashbacks, depressive Symptome, Vermeidungsverhalten und erhebliche zwischenmenschliche Schwierigkeiten.

 

Doch trotz – oder gerade wegen – dieser tiefgreif-enden Erschütterung können sich in manchen Menschen neue Perspektiven, eine vertiefte Lebensphilosophie, gestärkte persönliche Beziehungen oder ein intensiveres Gefühl für das Wesentliche im Leben entwickeln. Dies ist der Kern der Theorie des posttraumatischen Wachstums.

 

Wieso kann Trauma zu Wachstum führen?

Wer sich mit PTBS beschäftigt, Leute kennt, die betroffen sind oder gar selbst betroffen ist, weiß, dass es wirklich schrecklich ist, darunter zu leiden. Es kann befremdlich klingen oder sogar herabwürdigend wirken, wenn jemand suggeriert, dass dabei auch etwas Positives herauskommen kann. Deshalb sollte unbedingt klargestellt werden, dass es in der akuten Phase erstmal darum geht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen und dass die Möglichkeit oder das Vorhandensein von Wachstum nicht das Leid wieder gut macht, was man fühlt. 

 

Laut Stephen Joseph leben wir, in unserer Westlichen Kultur ganz besonders, in einer Illusion von der Welt als sicher und gerecht. Auch wenn wir Erfahr-ungen machen, wie z.B. das Beobachten von Kriegshandlungen in anderen Ländern, integrieren wir diese auf eine Weise „verzerrt“ in unser Weltbild, so dass es insgesamt nicht geändert werden muss und wir weiterhin davon ausgehen, dass die Welt eben sicher und gerecht ist. Man nennt das Kognitiven Konservatismus. Ein Trauma ist aber so intensiv, dass es nicht integriert werden kann und unser Weltbild zerstört. (Hier hätte der Autor meiner Meinung nach ergänzen müssen, dass andere nie das Glück hatten, überhaupt ein solches idealisiertes Weltbild aufbauen zu können und von vornherein mit der Realität konfrontiert waren)

 

Dazu gezwungen zu sein, ein neues Weltbild aufbauen zu müssen, ist also extrem schmerzhaft für Menschen. Wenn es aber getan werden muss, kann es zu positiven existentiellen Veränderungen führen: 

• Erkenntnis und Akzeptanz der Wahrheiten der menschlichen Realität, nämlich fundamentale Ungewissheit, ständige Veränderung und Vergänglichkeit

• Reflexion des eigenen Selbst, der eigenen Emotionen, Verhaltensweisen und Beziehungen

• Annahme der eigenen Verantwortung

 

Offensichtlich erfordert das alles eine Menge Geduld und Schmerztoleranz. Wachstum ist ein Prozess, der eine lange Zeit dauern kann. Dabei sollte man nicht vergessen, dass alle Menschen leiden, dass man nicht allein ist. 

 

Um sein Wachstum zu beschleunigen, gibt der Autor uns einige Tipps auf den Weg wie beispielsweise: Sich physisch und psychisch in Sicherheit bringen, genug schlafen, gut essen, physisch aktiv bleiben, Dinge tun, die Freude bereiten, sich aus-reichend entspannen, Achtsamkeitsübungen, Übung-en zum Selbstmitgefühl, Trigger vermeiden, Ver-meidungsverhalten vermeiden, Beziehungen pflegen, lernen, Gefühle wahrzunehmen und zu verbalisieren, Gelegenheiten zum Lachen finden, von der Vergangenheit lernen, Hoffnung kultivieren, z.B. durch das Setzen und Erreichen von Zielen, seine Aufmerksamkeit gezielt auf Dinge richten, die sich positiv verändert haben, Dankbarkeit üben. 

 

Das Buch kann in der Geschäftsstelle ausgeliehen werden (auf Englisch). 

Ich freue mich über eure Gedanken zum Thema () - 

 

Alles Liebe, Natalie