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2025/1 - Bericht über das International Soteria Working Group Kick-off Meeting am 8. Mai 2025

Im Jahr 1971 wurde in San José, Kalifornien, die erste Soteria geöffnet. Das Konzept war damals, den Menschen in der psychotischen Krise auf eine andere Art zu begegnen: In gemütlichen, der eigenen Häuslichkeit angelehnten Räumen, ohne Zwang, ohne oder mit möglichst geringen Dosen an Medikamenten, respektvoll und mit möglichst wenig Rollendifferenzierung zwischen Personal und Hilfesuchenden, um nur ein paar Kriterien zu nennen. Noch immer werden die meisten Menschen mit psychotischen Störungen in regulären psychiatrischen Krankenhäusern behandelt, doch die Idee der Soteria hat sich seither über den Globus verbreitet.

 

Die International Society for Psychological and Social Approaches to Psychosis (ISPS) organisierte die Arbeitsgruppe, an der ungefähr 35 Menschen teilnahmen. Es kamen einige sehr beeindruckende und wegweisende Persönlichkeiten zu diesem Anlass zusammen. Einer davon war Luc Ciompi, der 1984 die erste Soteria in der Schweiz gegründet hat. Er war einer der absoluten Pioniere auf dem Gebiet. Heute ist er laut Wikipedia 95 Jahre alt. Ebenfalls war da Gene Larkin, der in seinen sehr jungen Jahren in der Soteria in San José gearbeitet hat und sich nach 50 Jahren immer noch für das Konzept begei-stert. Außerdem war jemand von der Charité Berlin da, eine Frau von der Stanford University und noch jemand von der University of New York. Und viele Soteria-Betreibende und Gründungswillige aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Belgien, Finnland, Israel, der Schweiz und natürlich auch Deutschland.

 

Nach der Vorstellung der anwesenden Personen wurde der Soteria Fidelity Scale, ein Selbstbeurteilungsinstrument für Betreibende von Soterias und Stationen mit Soteria-Elementen, vorgestellt. Dieses richtet sich nach den Kriterien, die von Loren Mosher, dem Gründer der ersten Soteria, und Ciompi erarbeitet wurden. Nun soll dieser Fragebogen dazu genutzt werden, festzustellen, wie genau die über den Erdball verteilten Soterias genau aufgebaut sind und kann auch den Betreibenden zum Qualitätsmanagement dienen (Die Skala befindet sich online auf der Website des ISPS). 

 

Anschließend sprachen mehrere Gruppen und Einzelpersonen über ihre Unternehmungen in Bezug auf das Voranbringen der Soteria-Idee in ihren Heimatländern. In Großbritannien gibt es aktuell keine Soterias, allerdings haben die anwesenden Personen aus der Gegend um Manchester Fördergelder für Studien organisiert, mit denen sie nun herausfinden wollen, ob es Menschen in Großbritannien gibt, die sich eine Soteria wünschen, was Hindernisse für eine Gründung sind und wie man eine Einrichtung so gestalten kann, dass sich alle dort sicher fühlen können, wie beispielsweise neurodivergente Menschen (Menschen mit ADHS, Autismus, geistiger Beeinträchtigung, etc.) oder queere Menschen. Aus Israel meldete Pesach Lichtenberg von der Hebräischen Universität in Jerusalem gute Erfolge über die Soterias im Lande. Die Menschen werden weniger rückfällig, leiden weniger unter internalisiertem Stigma und kommen lieber wieder zur Behandlung. Sogenannte „randomisierte Fragen“ sollen den Untersuchungen mehr Gewicht geben. Auch Luc Ciompi berichtete, dass man in Bern nun eine Mischung aus qualitativer und quantitativer Forschung betreibe. In Belgien ist ein Gründungs-Projekt im Stocken. Hier wurde zwar von einem Philantrophen ein Haus gespendet, es fehlen aber die Gelder für den Betrieb. Hier hieß es, gäbe es einzelne, aber dafür sehr laute Stimmen von psychiatrischen Fachleuten, die die Soteria als anti-psychiatrisch oder als Konkurrenz wahrnehmen, was nicht der Selbstwahrnehmung der Projekt-Initiierenden entspricht.

 

Ich denke, man kann hier sehr gut ein gemeinsames Thema erkennen, welches alle Soteria-Betreibenden und -Enthusiasten eint: Die Sorge über ein fehlendes wissenschaftliches Fundament der Wirksamkeit der Soteria und der große Wunsch, ein solches zu schaffen, um schließlich auch Widerstände aus dem System zu verringern. Zweimal wurde auch geäußert, dass man die Soteria irgendwie ins System integrieren müsse. Dabei müsse man zwar Abstriche machen, aber hätte dabei bessere Chancen etwas Nachhaltiges zu schaffen. Zwei weitere Wortmeldungen sind mir noch besonders aufgefallen. Ich muss hier leider paraphrasieren, weil ich nicht schnell genug mitschreiben konnte. Gene Larkin hat gesagt, dass man Soteria nicht allzu sehr durchkonzipieren solle. Die Soteria sei „phänomenologisch“, also „im Moment“, individuell, nicht planbar. Man müsse den Mensch sehen, ihm seinen Wert geben. Und Luc Ciompi hat gesagt, dass die Begegnung des Angestellten mit dem Menschen in der Krise passieren kann. Andere Strukturen sind eher darauf ausgelegt, dies zu vermeiden. Und da merke ich, dass es sich hier um eine höhere menschliche Intelligenz handelt, die die hier anwesenden Menschen besitzen und sehe ein, dass das in unser System wohl schwer integrierbar scheint. Lässt sich nur hoffen, dass bald mehr Evidenz für die Wirksamkeit der Soteria vorliegt und sie sich – wie auch alle anderen psychiatrischen Konzepte, die auf einer humanistischen Idee aufbauen – weiter verbreiten.

 

Natalie Wagner